Urban Commons als politische Vision

Commons – im Deutschen Gemeingüter – sind Güter oder Produkte, die Menschen gemeinsam mit anderen erschließen, bewirtschaften, nutzen, teilen und erhalten. Typische Commons sind etwa die Allmende oder eine Raiffeisen-Genossenschaft, in der Landwirte sich zusammengeschlossen haben um ihre Produktionsmittel gemeinsam zu nutzen. Die Gemeinschaft der Miteigentümer oder die Gemeinschaft der Nutzer kümmert sich hier darum, dass Güter und Ressourcen zum Wohle Aller eingesetzt werden können. Obwohl das eher nach Trecker und Gummistiefel klingt, sind Commons gerade für viele städtische Initiativen und Institutionen zu einem gesellschaftlichen Leitbegriff geworden. In der Politik hingegen sind Commons noch ein Nischenthema. Dabei wollen beide, fortschrittliche Politik und Urban Commons, die Gesellschaft sozial und nachhaltig verändern. Was sind die Potenziale der politisch-zivilgesellschaftlichen Kooperation à la Commons?

Die Vorstellung, dass Menschen ideenorientiert, sozial und gemeinschaftlich produzieren und sich organisieren können, war lange nicht sehr populär. Es herrschte eine Sicht auf Kooperativen, Initiativen oder selbstverwaltete Werkstätten vor, die der Buchtitel „Tragik der Allmende“ (Tragedy of the Commons) anschaulich beschreibt. Wirtschaftswissenschaftler dozierten, dasss Individuen gemeinschaftliche Strukturen und Benefits ausnutzten und dies regelmäßig zu Lasten der gemeinschaftlich aufgebauten Substanz tun. Politiker riefen die Ruck-Gesellschaft aus und meinten damit im Kern den Einzelnen, der seine Leistungsbereitschaft erhöhen solle. Menschen, die sich für andere einsetzen oder sich gemeinschaftlich organisieren oder auch gemeinsam wirtschaften, hat es auch damals gegeben. Nur wurde ihnen eigentlich immer erklärt, warum das, was sie machen, nicht funktionieren kann. Die spätere Nobelpreisträgerin Elinor Oström ging das Thema anders an. Sie hat untersucht, wie Gemeingüter (common-pool resources) gemeinwohlorientiert und sozial erschlossen, bewirtschaftet oder verbreitet werden.

Commons sind ja nicht nur Produkte oder Produktionsmittel. Neben der Outputleistung gilt es auch, auf ihre Inputseite zu schauen. Dann entdeckt man, dass Commons ja schon Ressourcen sind, aber auch ein sozialer Raum und eine von Regeln und Prinzipien geformte Struktur.

Erfolgreiche Commons-Projekte schaffen einen Raum und eine Governance, innerhalb derer es Menschen auch in einer auf Wettbewerb und individuellem Profit ausgerichteten Gesellschaft „draußen“ möglich ist, ihre sozialen und nachhaltig orientierten Dispositionen als Commoners zu stärken. Von der gesellschaftlichen Perspektive aus betrachtet und im Geiste kommunitaristischen Denkens liegt der Mehrwert von Commons in diesem Commoning als soziale Praxis und gemeinwohlorientiertes Engagement.

Güter liefern oder produzieren können schließlich auch nicht gemeinwohlorientierte Produzenten. Aber in Commons entsteht zusätzlich der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Einfach gesagt: Ein offenes und selbstverwaltetes Atelierhaus macht etwas mit den beteiligten Künstlern. Ihre Zusammenarbeit bringt sie weiter, entwickelt ihre Fähigkeiten zu Beteiligung und Co-Management und ihre Haltung zu anderen wird insgesamt kooperativer. Aber natürlich stellen auch Galeristen Kunst aus, allerdings ohne diese sozialen (Neben-?)Effekte.


Transformative Kraft der Commons

Oströms Untersuchungen und ihre Rezeption in alternativen Kreisen waren ein Signal für neue Forschungsperspektiven und für viele Projekte und Engagierte. Sie wussten es ja immer besser – dass solidarische Initiativen und Teilen möglich und erfolgreich sein können.

Zudem leitet Viele die Erkenntnis, dass die sozial-ökologische Transition zu einer Gesellschaft, die auf anderen Wachstumsbegriffen, globaler Fairness oder ökologischer Nachhaltigkeit beruht, nur gelingen kann, wenn andere Modelle des Wirtschaftens und Zusammenarbeitens gefunden und gelebt werden. Commons sind eine Organisationsform, in der man diese Modelle testen kann.

So sehen immer mehr bürgerschaftlich Engagierte im Begriff der Commons eine Ergänzung oder Domestizierung des kapitalistischen Modells. Oft verstehen sie sich als Teil einer informellen Commons-Bewegung. Urban Gardening, Creative Commons, Open Educational Resources, Tauschnetze, MakerLabs oder RepairCafes sind Beispiele dafür.


Commons als Kultur

Berlin, Schönhauser Allee | F: Civil Resilience

Alternative Formen der Zusammenarbeit bringen ein anderes Verständnis von Schaffen mit sich. Deshalb öffnen sich gerade auch immer mehr Künstler*innen und Kulturorte der Idee – etwa um Räume für unabhängige, gemeinwohlorientierte kulturelle Praxis zu schaffen oder um sich mit ihrer Arbeit in die Stadtgesellschaft zu öffnen oder um ihre Arbeit für Empowerments nutzbar zu machen oder ihre Kunst in Beziehung zu ihnen wichtigen gesellschaftlichen Gruppen zu setzen.

Commons-Projekte sind oft sehr geschickt darin, im ansonsten durch die Gesetze des Marktes bestimmten städtischen Raum neben den üblichen Raum- und Immobilienverwertern zu bestehen. Sie erschließen neue Räume für das Gemeinwohl oft durch Zwischennutzungen oder unkonventionelle Nutzungen.

Ihre Botschaft ist, dass eine Kultur der Kooperation und der Ko-Kreation auch in den von Nutzungskonflikten und Kapitalinteressen in Beschlag genommenen urbanen Räumen möglich ist.

Ihre Stärke liegt in ihrer Praxis, Mitgestaltung als Einladung zum (Self-)empowerment zu sehen und Staat, Politik und Wirtschaft gegenüber nicht als Teilnehmende (etwa in Beteiligungsverfahren) oder Kunden (in Ämtern), sondern als zivilgesellschaftliche Partner gegenüberzutreten.

Im Gegensatz zu den alten Begriffen „freiwilliges Engagement“ oder „bürgerschaftliches Engagement“ scheint mehr in Commons zu stecken. Es ist dies die Betonung der aktiven Komponente – des Kreierens und Machens als co-creator, wie es etwa das CommonsLab in Berlin Neukölln in seinen Inhalten und seiner Darstellung vor Augen führt. Ganz schön hipsterig, könnte man meinen, aber es steckt eben mehr dahinter.

Die Initiative „Stadt neu denken“ ist ebenfalls inspiriert vom Commons-Gedanken. Mit dem Haus der Statistik am Alexanderplatz Berlin will es in Kooperation mit verschiedenen Akteuren und dem Bezirksamt Mitte einen „Räume für Kultur, Bildung und Soziales“ schaffen, „gemeinwohlorientiert und kooperativ.“

Die Prinzessinnen-Gärten beschreiben den urbanen Garten als „sozialen Humus“. Auch das Himmelbeet in Berlin-Wedding sieht sich als Commons. Beide haben ein Urban Gardening Manifest unterschrieben: „Täglich erfahren wir, wie wichtig ein frei zugänglicher öffentlicher Raum ohne Konsumzwang für eine demokratische und plurale Stadtgesellschaft ist.“

Viele Künstler und Initiativen im sozialen Bereich betrachten Urban Commons als das geeignete semantische Framing für ihre Aktivitäten. Sie spielen oft in den Debatten um die organisierte Zivilgesellschaft und um Engagementstrategien keine Rolle, prägen aber die Stadtgesellschaft immer mehr. Gerade denjenigen, die aus dem nicht-deutschen Kontext kommen, ist der Begriff der Commons sehr geläufig.


Berlin, Abenteuerspielplatz Stadt der Kinder | F: Civil Resilience

Die Commons und die Politik

Die Attraktivität der Commons ist aus der Gesellschaft heraus gewachsen, eng verknüpft mit den Ideen von Nachhaltigkeit, sozialer Transformation und aktiver Bürgerschaft. Insbesondere die grünennahe Böll-Stiftung wie auch die European Green Foundation zeigen hieran Interesse. Die Böll-Stiftung hat mehrere in diesem Sinne missionarische Sammelbände herausgebracht.

Einzelne Städte finden den Gedanken starker Urban Commons Institutionen in einer partnerschaftlichen gemeinwohlorientierten und nachhaltigen Stadt ebenfalls interessant. Wenn aus sozialer Perspektive hinter Commons ein kommunitaristisch geprägtes Weltbild steht, steht politisch hinter dem Begriff ein partnerschaftlich geformter partizipatorischer Politikbegriff, der die eigene zu großen Teilen etatistische Sicht auf die Welt durch eine horizontale Dimension der Kooperation erweitert. Im Sinne Gramscis und der Tocquevilleschen Vorstellung von Zivilgesellschaft wird sich so auch die politische Kultur verändern, also die Art und Weise wir Bürger miteinander und mit dem Staat interagieren.

Im Unterschied zu den Nuller Jahren, in denen man auch neue Partnerschaften erproben wollte, ist hier nicht der Gedanke des schlanken Staats und der politischen Deregulierung leitend. Es geht nicht mehr um Einsparungen, sondern um die Koproduktion sozialen Kitts, sozialen Kapitals und auch um alternative Wachstumspfade. Commons sind wirtschaftlich gesehen zwar Kleinvieh, aber dieses bringt in seiner Summe eben auch Arbeit und hat andere positive Effekte. Die Commons-Vordenker Dirk Holemans und Kati Van de Velde haben das für die Green European Foundation beschrieben:


„In recent years, we have seen some cities move one step further as they develop specific structures and processes that, in a thoughtful manner, aim at building synergies between the public and the commons domain. They transform themselves into a so-called enabling or Partner State. In this new perspective, politicians do not  see their political constituency as a territory to manage from above, but as a community of citizens with a lot of experience and creativity. So instead of top-down politics, they develop forms of  co-creation and co-production.“

Holemans/Van de Velde:
Creating Socio-ecological Societies
through Urban Commons Transitions


Zwei Beispiele für Städte, die sich des Gedankens detaillierter annehmen sind Bologna und Ghent:

  • Die Commons Regulierung in Bologna von https://labgov.city/ und Christopher Iaione soll die Kommunikation und Kooperation zwischen Bürger und Staat vereinfachen und verbessern.
  • Der Commons Transition Plan von Ghent, entwickelt von Michael Bauwens beschreibt, wie Commons als kommunale Partner neben Wirtschaft und Politik gedacht und gestärkt werden können, etwa durch einen Rat der Commons.
  • Auch in Barcelona oder Neapel wird über Commons auf Stadtebene nachgedacht.

Aus politischer Perspektive gibt es gute Gründe, der Idee auch kritisch gegenüberzustehen. So stellt sich die Frage der Skalierbarkeit und Resilienz von Commons-Projekten. Insbesondere, wenn sie systemisch relevante Teile der urbanen Infrastruktur werden, gibt es erhöhte Anforderungen als an Projekte, die in einer Nische gedeihen.

Desweiteren sind viele Urban Commons hybrid organisiert. Manche besitzen etwa einen marktkompatiblen Teil (z. B. eine GmbH) und einen gemeinnützigen Teil (z.B. einen e.V.), andere sind gGmbHs oder Genossenschaften. Umso wichtiger ist, dass sie darlegen können, dass der gemeinnützige Anteil an ihren Aktivitäten überwiegt.

Auch mit der Vielfalt der pluralen Gesellschaft und Diversität haben Projekte, die auf Gemeinschaft ausgerichtet sind, manchmal mehr Probleme als lose Netzwerke. Zudem wird Ko-Kreation nicht immer nur von der Politik verhindert, wie viele Commons meinen. Allzu oft verträgt sich politisches Desinteresse auf ihrer Seite nicht mit dem Wunsch nach Zusammenarbeit. Aber natürlich verstehen Politkerinnen und Politiker oft nicht, welchen Mehrwert diese Ökos oder Projektmenschen ihnen und ihrer Stadt ermöglichen und warum sie auch noch recht selbstbewusst auf Partnerschaft drängen.

Dies sind Haltungs-, Verständnis- und sprachliche Fragen auf beiden Seiten – Kooperation benötigt guten Willen, Verstehen der Ziele und Denkweisen des Anderen sowie die Fähigkeit, sich verständlich zu machen.


Commons on the Ground

Parteien und Verwaltungen können Schritte unternehmen und sich mit dem Vokabular und den Spezifika von Urban Commons auseinandersetzen. Gut wäre es, wenn Commons dabei als Teil partizipativer Stadtentwicklung betrachtet würden und als Produzenten von sozialem, kulturellem und durchaus auch von ökonomischen Kapital. Nicht zuletzt besteht die Stärke vieler Commonsprojekte in ihrer Fähigkeit, es mit den Marktkräften aufnehmen zu können. Gerade in größeren Städten zeugen viele Projekte davon.

Wenn es darum geht, zu überlegen, wie commons-freundliche politische Ökosysteme gestaltet werden können, muss man die hier beschriebenen Potenziale und Utopien in

  • konkrete Schnittstellen,
  • konkrete Governance oder
  • konkrete Angebote

umformen. Sehr wahrscheinlich wird durch gemeinsames Handeln die Perspektive auf „die Zivilgesellschaft“ oder „die Bürger“ verändert. Viele Ansätze der Beteiligung und des politisch-zivilgesellschaftlichen Dialogs sind bereits commons-kompatibel und können günstig und einfach angepasst werden. Besonders wird die Bereitschaft und Möglichkeit zu modellhaften und iterativem Handeln dies befördern. Welche Arten der Vernetzung und der Kooperation wären da zu entwickeln?

  • Wir können über Bologna-Regulierungen nachdenken, die es Commons einfacher machen, öffentliche Räume mitzugestalten.
  • Man kann dem Wert von Vernetzungen der Commons à la Ghent nachspüren – Commons-Räte oder ein kommunales Commons-Netz, die gerade auch Orte für neuen Ideen und Vernetzung untereinander sein können (und so gerade nicht der Logik klassischer Beiräte folgen) .
  • Bei der Förderung und Unterstützung von Commons muss es nicht nur um die Bereitstellung von Immobilien oder Grundstücken gehen und auch nicht allein um Projektförderung. Weil das Ziel ja ist, dass Commons Projekte qualitativ hochwertige Partizipation ermöglichen, wäre gerade hier auch Hilfe zum Capacity Building in Form von Unterstützung von Bildung und Organisationsentwicklung sinnvoll.
  • Auch mehr Anstrengungen, diese Projekte sichtbar zu machen, helfen ihnen – warum nicht einen lokalen Commons-Atlas erstellen.

Und vor allem: Beginnen wir den Dialog zwischen Politiker*innen , Verwaltungsspitzen und Amtsträger*innen über das, was beide verbindet: Gemeingüter verwalten, soziale Räume mitgestalten, Partizipation ermöglichen.

Berlin, Zola_Garten Linienstr/Zolastr. | F: Civil Resilience