Demokratische Resilienz. Zivilgesellschaftliche Organisationen als Schlüsselakteure für aktive Bürgerschaft, Vertrauen und den Kampf um eine demokratische Öffentlichkeit.

Zivilgesellschaft und aktive Bürgerschaft als systemrelevante Aspekte der Demokratie wurden lange idealisiert und viel wurde in ihre Verbreitung investiert. Doch was kann „die Zivilgesellschaft“ tatsächlich leisten im Angesicht von Populismus und autoritären Bedrohungen? Die Antwort darauf ist nicht weniger Engagement und kritischer Bürgersinn, sondern mehr demokratische Resilienz. Die Schlüsselakteure hierbei sind bewusste, starke, gemeinwohlorientierte und an politischer Wirkung interessierte unabhängige Organisationen.

Um 1989 herum, als der Eiserne Vorhang fiel, dachte man überall in Europa über die Demokratie nach und im Besonderen über das Verhältnis des einzelnen Bürgers zum Staat. In Mittel- und Osteuropa haben Oppositons-Aktivisten wie Adam Michnik bereits in den 80er Jahren überlegt, wie Zivilgesellschaft als ein von unten nach oben strukturierter Raum für freies bürgerschaftliches Engagement imstande sein kann, die Diktaturen in einer zivilen Weise zu überwinden. Aus ihrer Perspektive sind es die Bürger, die die Gesellschaft konstituieren. György Konrad formulierte darauf aufbauend eine grenzüberschreitende Utopie: transsektorale und nationenübergreifende Kooperation zwischen den mitteleuropäischen Gesellschaften und ihren Bürgern auf der Basis einer gemeinsamen kulturellen Grundlage und auf der Grundlage des Bewusstseins von Einheit in Vielfalt (was man heute Diversitätsbewusstsein nennen würde). [KONRAD 1987]

In den westlichen Teilen Europas war Ähnliches im Kommen, angetrieben von der Idee der Bürgerbeteiligung als einem notwendigen Korrigendum und einer innovativen Bereicherung der repräsentativen Demokratie, etwa im Sinne Barbers [BARBER 1984] oder Habermas‘. Soziale Veränderung kann gemeinsam von uns Bürgerinnen und Bürgern gegen die Widerstände der Systeme und Strukturen bewirkt werden, das war die Botschaft von Solidarnosć in Mitteleuropa und von Protestbewegungen und neuen Arten politischer Parteien in Westeuropa.

Zur gleichen Zeit veröffentlichte Robert Putnam in den USA sein einflussreiches Buch „Bowling Alone“. Es stellte die Wichtigkeit von „Sozialkapital“ für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften heraus, geschöpft durch das horizontale bürgerschaftliche Engagement. Die Idee hinter dem Konzept ist, dass andauerndes Handeln im öffentlichen Raum und in Organisationen Menschen hilft, Vertrauen zueinander aufzubauen, was wiederum eine positive Auswirkung auf ihre Bereitschaft habe, miteinander zu kooperieren: „Je größer das Vertrauensnivau in einer Gesellschaft, desto wahrscheinlicher ist die Wahrscheinlichkeit von Kooperation.“ [PUTNAM 2001: 28] Je größer und vielfältiger Kooperationen stattfinden, desto mehr soziales Kapital und demokratische Praxis werden sie bereichern. In einem Makroklima von Beteiligungsexperimenten (damals oft „neues bürgerschaftliches Engagement“ genannt),  von soziopolitischer Deregulierung und von Internationalisierung wurde das Konzept „Zivilgesellschaft“, „bürgerschaftliches Engagement oder „aktive Bürgerschaft“ in ganz Europa populäre. Die Erwartung von Politkern oder  Wissenschaftlern war, ein Betriebssystem-Update für die moderne Gesellschaft. Damit würden neue Akteure auf den Plan treten und Ideen entwickeln, die nicht gefangen in den alten ideologischen Diskussionen sind. Nicht zuletzt durch Zusammenarbeit über Länder und soziale Grenzen hinweg würde so Neues möglich.  Selbst-bewusste Bürgerinnen und Bürger wurden in diesem Sinne als Innovatoren wahrgenommen. Alain Touraine hat diesen Gedanken in der Wochenschrift DIE ZEIT 1999 in einem „Loblied auf die Zivilgesellschaft“ verewigt:

„Längst hat ja die „nach unten“ orientierte Demokratie eine neue Ebene in der politischen Gesellschaft geschaffen. Nach den Parteien und den Gewerkschaften als den wichtigsten Vertretern von sozialen und Arbeiterrechten entwickelt sich nun eine neue Art von politischem Akteur: die Zivilgesellschaft. Ich meine das Zusammenwirken von Vereinigungen, Nichtregierungsorganisationen (NGOs), meinungsbildenden Bewegungen sowie – zugegeben – den Meinungsführern, darunter die Medien, auch wenn ihre Wirkungen des Öfteren eher negativer als positiver Natur sind.“

Auf europäischer Ebene gab es Hoffnung, dass durch Kooperation zwischen Bürgern und Bürgergesellschaften das alte geopolitische Denken überwunden werden kann – Zivilgesellschaft als grenzüberschreitender innereuropäischer Akteur. Die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio oder das Weltsozialforum 2001 in Porto Allegre wurden romantische Symbole für das Potenzial von INGOs, internationalen Nichtregierungsorganisationen.

Grundsätzlich beschreibt der Terminus Zivilgesellschaft einen sozialen Raum, in dem Bürgerinnen und Bürger handeln, sich ausdrücken und organisieren. Diese Sphäre des gesellschaftlichen und öffentlichen Engagements wird in vielen Konzepten funktional als Dritter Sektor betrachtet, mit dem Staat als erstem und der Wirtschaft als Zweitem Sektor. Wenn man Putnam folgt, sind besonders diejenigen Praktiken und Handlungen von Bürgerinnen und Bürgern wichtig für die Demokratie, in denen durch Kooperation, Austausch und Diskussion Brücken zu anderen Menschen und Organisationen geschlagen werden (überbrückendes Sozialkapital) So wird demokratische Öffentlichkeit (selbst-)konstituiert.

Des Weiteren ist von Interesse, dass Menschen Bande zueinander knüpfen, besonders zu denen mit geteilten Interessen, Werten und Vorstellungen (bindendes Sozialkapital). Zivilgesellschaftliche Organisationen (NGOs) mit  geteilten Identitätsmerkmalen können die Stimme der in ihnen zusammengeschlossenen Einzelnen hörbar machen und verstärken.

Zudem können freie Vereinigungen von Bürgern nur dann positiv wirksam werden, wenn sie eine Wirkung anstreben und zum Gemeinwohl beitragen. Systematisch gesprochen, wenn sie lernen, über ihren Tellerrand und ihren gesellschaftlichen Sektor hinaus arbeiten, indem sie ihre Ideen in andere Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern tragen, ihre Forderungen und Vorschläge in die anderen Sektoren einfüttern, etwa in die Politik als Lobbygruppe (advocates), als hybride Organisation oder als Aufpasser (watchdogs).

Nach den Vorstellungen der deliberativen Demokratie sollen zivilgesellschaftliche Strukturen über einen längeren Zeitraum bestehen bleiben, aber immer mit dem Ziel, dem Engagement ihrer Mitglieder zu dienen. In diesem Sinne ist gesellschaftliches Engagement eines Einzelnen sein aktualisierter Ausdruck seiner Übereinkunft mit der Demokratie. Aus institutioneller Sicht ist das Engagement ein aktuelles Bild vom Zustand der politischen Kultur (civic culture).


1. Zuversicht in Demokratie, Hoffnung und Vertrauen

Im Schatten der antipluralistischen Bedrohungen der Zivilgesellschaft, des öffentlichen Raums und demokratischer Politik, scheinen sich viele der weiland angenommenen Stärken der Zivilgesellschaft nur schwer  entfalten zu können. Wenn ein Panzer in deine Straße einbiegt, verstummen die kritischen Stimmen, was die Bürger von Sewastopol oder Istanbul erfahren mussten. Wenn Förderer kein Interesse an einer Region oder seinem Land zeigen, ist ein Vereinsvorstand oft nicht in der Lage, ihre Unterstützung zu ersetzen und die gemeinnützige Arbeit weiterzuführen. Wenn politischer Protest aufkommt, tauchen immer wieder die gleichen alten Hasen auf und organisieren sich ein wenig um. Weit und breit keine weiße Ritterin und kein weißer Ritter aus der Zivilgesellschaft, die die Regeln des Spiels in eine andere Richtung verändern. Oder fahren wir in kleinere Städte Europas, dort, wo viele Bürgerinnen und Bürger oft skeptisch gegenüber Demokratie, Vielfalt und Pluralismus sind. Hier scheint das Narrativ von der „guten Zivilgesellschaft“ gegen die bösen Regierungen oder staatlichen Strukturen in die Irre zu führen. Denn dort hat man es oft mit Bürgerinnen und Bürgern als peers zu tun, aber auch mit deren Misstrauen in die eigenen guten Absichten.

Alle diese verschiedenen Phänomene sind mit Vertrauen verbunden. Ein wichtiger Aspekt ist Zuversicht in die Dauerhaftigkeit von Demokratie und unabhängigen zivilgesellschaftlichen Engagements: “Werden andere Bürgerinnen und Bürger mich unterstützen, wenn ich mich öffentlich als Demokrat oute?” Das wäre möglicherweise die Schlüsselfrage eines Bürgers der Krim oder der Türkei im Angesicht von Militär und Gewalt. “Was stellen die NGO-Leute mit meiner Zeit, meinem Vertrauen und meinem Geld an, wenn ich ihnen vertraue?” Víktor Òrban hat 2018 in seiner Wahlkampagne systematisch versucht, solches Misstrauen zu verstärken, indem er NGOs als „Leute der Spekulanten“  bezeichnete, die dem Interesse des internationalen Finanzkapitals dienten.[Eötvös Károly Institute, Heinrich- Böll-Stiftung 2018] “Bin ich denn in der Lage, eine so starke Koalition zu bauen, die mir ermöglicht, in die Politik zu gehen und das System zu verändern?” So könnte sich die Frage für kompetente Persönlichkeiten aus der Zivilgesellschaft stellen. “Warum vertrauen sie einem autoritären Priester oder Populisten mehr als uns, ihren Freunden und Familienmitgliedern?” Das fragen sich Demokratie-Aktivisten, wenn sie in ländlichen Regionen mit Onkeln, Eltern oder Nachbarn über Demokratie sprechen.

Diese Orte und Organisationen scheinen der autoritären Bedrohung leichter widerstehen zu können und in der Lage zu sein, solche Situationen in zivilere und demokratische Konfigurationen zu überführen. Das kann demnach auch gleich eine grobe Definition von Demokratischer Resilienz sein.

Deshalb ist ein Schlüsselaspekt demokratischer Resilienz die Glaubwürdigkeit der Demokratinnen und Demokraten und die Fähigkeit ihrer Organisationen, Räume zu schaffen, in denen Vertrauen stabil praktiziert und entwickelt werden kann.

Das ist leichter gesagt als getan. Denn das Grundproblem von generalisiertem Vertrauen (generalized trust) ist, das wir Vertrauen über persönliche soziale Beziehungen aufbauen. Aber in einer Gesellschaft sind Gruppen und Kommunikation  zu groß und komplex, dass die Menschen dies erfolgreich tun können. Gleichzeitig ist „das Individuum aber permanent genötigt [..] gegenwärtig Entscheidungen zu treffen, die mit dem zukünftigen Handeln von Fremden rechnen müssen. [FUCHS/GABRIEL/VÖLKL 2002: 429]

Vertrauen wird so von Vertrautheit oder Intimität unterscheidbar. Aber wie kann Glaubwürdigkeit ohne Vertrautheit erzeugt werden? Eine Antwort ist, indem man freie zivilgesellschaftliche Organisationen schafft. Nach Offe ist es ihre größte Stärke, dass sie Einzelnen helfen, Vertrauen zu jenen aufzubauen, die auch unter dem Dach einer Organisation zusammengeschlossen sind, die sie aber nicht kennen. Offe argumentiert mit den speziellen Erwartungen an Wahrheit und Moral, die in einer Organisation gelten sollen: “Institutionen generalisieren Vertrauen in dem Maße, in dem sie ihre Mitglieder zur Tugend des Wahrheit-Sagens verpflichten, und in dem Maße, in dem sie Verletzungen dieser Regeln kontrollieren und effektiv entdecken (zielgerichtete wie ‚lügen‘ oder unabsichtliche wie ‚irren‘).” [OFFE 1999: 73] In ihrem Handeln sind die Organisationen Beglaubiger in beide Richtungen.

”Wir vertrauen unseren Mitbürgern (oder in diesem Sinn Mitmenschen) weil wir erheblichen institutionellen Raum mit einer ausreichend starken Bedeutung miteinander teilen. Die überwiegende Zahl der „Fremden“ unter meinen Mitbürgern wird so glaubwürdig, weil ich voraussetze, dass sie diese Bedeutung auch anerkennen.“

OFFE 1999: 75

Eine andere mögliche Antwort ist, dass Menschen begreifen müssen, dass Vertrauen ein Verhalten ist, was dann bedeutet, dass es auch an jeder und jedem  Einzelnen liegt, wie hoch das gesellschaftliche Vertrauensniveau ist. So kann Vertrauen von Hoffnung oder Zuversicht abgegrenzt werden. Hoffnung ist eine passive Haltung. [SZTOMPKA 1999: 24] Zuversicht hat eine etwas begründetere und rationalere Grundlage, ist aber dennoch passiv: „Weil man bei Zuversicht (confidence) nicht aktiv einbezogen ist  [..], kann man Enttäuschungen auf andere abwälzen, auf das Regime, das System, die Propaganda, die falsche Information, die getürkten Beweise und so weiter, nur nicht auf einen selbst.“ Vertrauen ist eine aktive Haltung, auf eine andere Person gerichtet. Auch Luhmann unterscheidet Vertrauen, Hoffnung und Zuversicht dadurch, „ob die Möglichkeit einer Enttäuschung von unserem eigenen früheren Verhalten abhängt oder nicht.“[LUHMANN 2001: 149]

Wenn Vertrauen auf eigenem Handeln gründet, kann man Vertrauen auch lernen oder verlernen. Deshalb sollten NGOs bewusst sein, wie ihre Arbeit und ihre Art und Weise, wie sie Bürgerinnen und Bürgern einen Raum zum Engagement bieten, sich auf die Haltung der Einzelnen zu anderen auswirkt – besonders sollten sich Organisationen fragen, wie sie als Ort für Vertrauensbildung durch Mitgestaltung, Beteiligung und geteilte Machtausübung im Organisationsalltag wirken können. Eine große Herausforderung scheint hier das Bewusstsein für soziale Vielfalt zu sein und die institutionelle Fähigkeit, konstruktiven und inklusiven Umgang mit Vielfalt zu gestalten.

Im Lichte der aktuellen Debatten über Populismus, Radikalisierung und  Vertrauensverfall vermutet man, dass Vertrauensmangel nicht der Fehler einzelner Akteure ist. Denn ein bekanntes Paradoxon in der Demokratie ist, dass Vertrauen in einer Dichotomie zwischen Vertrauen und Misstrauen erzeugt werde. So kann Misstrauen auch als eine systemrelevante Fähigkeit wahrgenommen werden, als Fähigkeit zum kritischen Denken, um die Glaubwürdigkeit anderer Akteure besser einschätzen zu können. „Vertrauen erscheint in seinem Kern als das Ergebnis erfolgreich unbeachteten Misstrauens und dies führt zu einer politisch-konstitutionellen Ordnung, in der Vertrauenswürdigkeit auf der Multiplikation von Möglichkeiten für effektives Misstrauen gründet.“ [SCHMALZ-BRUNS 2002:  11] Bürgerinnen und Bürger und ihre Organisationen sollten sich der Notwendigkeit einer solchen Balance bewusster sein. Sie sollten populistische Rezepte mit der gleichen kritischen Haltung betrachten wie Populisten die Politik der „Anderen“ als „zu komplex“ kritisieren. Aus dieser Perspektive unterstützen freie Organisationen, Anreize zu Kooperation und kritisches Denken die Fähigkeit von Bürgerinnen und Bürgen abzuwägen zwischen Vertrauen/Kooperation und Misstrauen/Opposition.

Ohne Zweifel gewinnen Populisten Unterstützung in ganz Europa. Sie leugnen die Notwendigkeit des Vorhandenseins solcher ausbalancierten Vertrauens-Misstrauens-Mechanismen, so wie sie auch alle anderen Komplexität ignorieren müssen. Stattdessen repersonalisieren sie künstlich die Vertrauensbeziehungen. „Populismus hat zuerst mit einer Repersonalisierung der Politik zu tun. Das Vertrauen in die Anführer basiert nicht auf deren Liste gehaltener und gebrochener Versprechen, nicht auf ihren Programmen und den Eingrenzungen und Möglichkeiten ihrer Ämter, sondern auf ihrem persönlichen Stil, der Erscheinung, ihrer Medienkompetenz und ihres Rufs[…]“ [OFFE 1999: 77] Selten scheinen sie jedoch ausreichende Antworten auf komplexere Problemlagen bieten zu können außerdem haben sie ein Problem, mit anderen Dialoge führen zu können. Sie kompensieren systemisches Begreifen mit Dezisionismus, mit feindseliger Mobilisierung von Bürgern oder, durch einen künstlich imaginierten Ausnahmezustand, etwa durch anhaltende Kampagnen gegen verschiedene äußere und innere Feinde.

Populisten simulieren eine Vertrauensbeziehung zum Volk durch Re-Personalisierung. Demokratische Organisationen schaffen Vertrauen durch demokratisches Handeln.

Demzufolge können NGOs als demokratische Alternativen mit ihrer Glaubwürdigkeit überzeugen. Zum Beispiel, indem sie auf andere und ihre Impulse reagieren, indem sie Offenheit praktizieren und auch Dritten zeigen, wie bei ihnen eine zivilere Kultur des Zusammenlebens gelebt  wird. Friedlich in der Wahl ihrer Methoden, offen für Dialog aber entschieden in ihrer Zivilcourage, die wichtigen gesellschaftlichen Fragen auf den Tisch zu bringen, im Sinne „robuster Zivilität“. Zivilität so verstanden verzichtet darauf die Würde und die Rechte Anderer zu beeinträchtigen, ist tolerant genug gegenüber der freien Meinungsäußerung, besonders der von weniger einflussreichen und peripheren Gruppen, und erkennt einen besonderen Freiheitsrahmen für Kunst und Humor an. [GARTON ASH 2016]


2. Demokratische Resilienz

Die Selbstorganisation der Bürgerinnen und Bürger spielt in dieser Konzeption eine grundlegende Rolle – Regierungen werden abgelöst, der „soziale Kitt“ und das Sozialkapital, das von demokratisch handelnden Bürgerinnen und Bürgern erzeugt wird, bleiben. Deren Interaktionen helfen uns, eine stabile demokratische politische Kultur zu schaffen Um diese zu erreichen, müssen wir die Erfolgsbedingungen für das kollektive Self-Empowerment von Bürgerinnen und Bürgern durch zivilgesellschaftliche Organisationen untersuchen. Womöglich müssen wir noch einen Schritt weitergehen. Wenn die soziale Situation  und die Bedingungen für ihre freie Arbeit härter werden, sollte eine kräftige und selbstbewusste Zivilgesellschaft in der Lage sein, ein unfriedliches, antipluralistisches, weniger demokratisches Klima gesellschaftsweit in Richtung Pluralismus, Demokratie und Rechtsstaat zu verändern.

Auf der Systemebene haben zivilgesellschaftliche Akteure demnach die Aufgabe, die politische Kultur mitzugestalten. Politische Kultur verstehen wir dabei als „civic culture“ [vgl. ALMOND/VERBA 1963: 12] So beschreibt politische Kultur die mentale Karte einer Gesellschaft bezüglich der Idee der aktiven Bürgerschaft: “[…]Die Traditionen einer Gesellschaft, der Geist ihrer öffentlichen Institutionen, die Leidenschaften und das gemeinsame Diskutieren und Nachdenken ihrer Bürger sowie der Stil und die Handlungsnormen ihrer Anführenden sind nicht zufällige Produkte historischer Erfahrung, sondern passen zusammen als Teil eines bedeutenden Ganzen und konstituieren ein verständliches Beziehungsnetz.” [PYE/VERBA 1972: 7] Demokratische Resilienz ist die Fähigkeit diese  Karte mitzugestalten und zu verändern, besonders die Art und Weise zu prägen, wie sich Werte und Haltungen in Prozeduren, Stilen oder Narrativen widerspiegeln. Deswegen benutzen wir nicht den Begriff „politische Resilienz“. Im Englischen referiert „civil resilience“ auf die Fähigkeit der Zivilgesellschaft und ihrer Akteure und ihr Verhältnis zu Staat und Politik .

Ausgehend von den Vorüberlegungen könnte man Civil Resilience als Indikatorenset für Beschreibungsmodell der politischen Kultur ansehen. Aus der Sicht einzelner Organisationen beschreibt Civil Resilience deren Fähigkeiten, demokratische Prinzipien, Prozesse und Haltungen zu teilen und aufzunehmen sowie auf äußere Veränderungen in ihrem Sinne zu antworten.

Demokratische Resilienz beschreibt die Fähigkeiten einer Organisation, demokratische Prinzipien, Prozesse und Haltungen in einem Umfeld gesellschaftlicher Veränderung aufzunehmen und zu teilen. Sie drückt aus, wie eine Organisation die politische Kultur mitgestaltet.

Zivil referenziert auf denjenigen, die für die Initiierung sozialer Veränderung zuständig sind. Außerdem beschreibt der Terminus die Art, wie Diskussionen, Verhandlungen und Streite durchgeführt werden. NGOs tragen zu Fairness, Frieden, Gewaltfreiheit, Beteiligung und kollektiver Lösungsorientierung bei.

Resilienz beschreibt die Fähigkeit von Organisationen, sich neuen Bedingungen anzupassen, Widerstandskraft zu entwickeln, ihr Denken durch Überdenken ihrer Erfahrungen zu erneuern, katalysiert durch externe Impulse. Dies umfasst Anpassungsfähigkeit, Kreativität, Strategie und eine klare Theory of Change.


Widerstand oder Kooperation – eine Frage der konstruktiven Haltung

Inwieweit sollen zivilgesellschaftliche Organisationen Opposition, Partner für Veränderung oder sogar Teile des Herrschaftsapparats sein? Diese Frage wird lebhaft und entschieden diskutiert und ihre konkrete Beantwortung beeinflusst die gesellschaftliche Wirkung einer Organisation sehr. Oft einigen sich die Akteure auf eine kritische Haltung zu Macht. Damit drücken sie ihr Interesse aus, möglichst nicht Gewalt über andere auszuüben, also über andere gegen deren Interessen und Willen bestimmen zu wollen. Diese Haltung gerät schnell in Konflikt mit dem Wunsch nach mehr gesellschaftlicher Wirkung, denn diese selbst kann auch als Versuch interpretiert werden, mächtig werden zu wollen, weil einflussreich. Zudem ist es gerade das Ziel vieler Organisationen Missstände zu beheben, für die politische Akteure verantwortlich gemacht werden. Veränderung kann in diesem Sinne aber nur durch andere oder veränderte politische Akteure erfolgen, zu denen dann idealerweise auch die eigenen Leute gehören. Macht und Einfluss spielen sowohl auf der Zielebene eine Rolle und sie sind Aspekte, die die Akteurslandschaft der Zivilgesellschaft wesentlich strukturieren, auch wenn die Struktur der zivilgesellschaftlichen Karte eher horizontal als ein Netzwerkdiagramm dargestellt würde und nicht in Form eines hierarchischen Organigramms.

In diesem Sinne kann man annehmen, dass diejenigen mit viel sozialem, kulturellen und wirtschaftlichen Kapital ohnehin Macht ausüben. Des Weiteren beinhaltet die Idee aktiver Bürgerschaft den Ansatz des Empowerments, der Befähigung Einzelner und Gruppen, sich zu Macht selbstbestimmt zu verhalten. So verläuft die Trennlinie zwischen mächtig und machtlos nicht notwendigerweise zwischen Staat und Zivilgesellschaft oder zwischen Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die schwierige und oft nicht transparente Allokation von Macht ist aus demokratischer Sicht ein Auftrag an NGOs, sich um Transparent und Fairness zu bemühen und ihre Macht und Möglichkeiten reflektiert zu nutzen. Aus dieser Perspektive haben auch Parteien eine Wirkung in die Zivilgesellschaft, wenn man sie als hybride Organisationen mit einer von Mitgliedern getragenen inneren Kultur betrachtet, weil sie die Wünsche und Interessen von Bürgerinnen und Bürgern in Staat und Regierung einspeisen.

Macht und Einfluss sind notwendige Ziele von auf soziale Veränderung orientierten zivilgesellschaftlichen Akteuren. Ihre legitime Ausübung ist an demokratische Prinzipien gebunden.

Auf der anderen Seite gären Innovation, Alternativen und neue demokratische Praktiken unter manchen Umständen besser aus einer Haltung der grundsätzlichen Opposition heraus. Umso mehr, wenn politische Macht die Zivilgesellschaft und den öffentlichen Raum überformen (Putnam erwähnt das italienische Beispiel, Michnik das polnische).

Dies anerkennend stellt sich dennoch für jede Opposition die Frage, wie sie die Gesellschaft verändern wollen und wie sie vermeiden, dass man einen Zustand der Schließung gegenüber der Welt verfestigt, in dem man sich nur untereinander seiner Wichtigkeit und Stärke vergewissert und die Komplexität der einen umgebenden Probleme nicht mehr genügend zur Kenntnis nimmt. Wenn diese Haltung überhand nimmt, verlieren Organisationen ihre Bindungen an die Gesellschaft und zu möglichen Kooperationspartnern, manche sind dann eher Gemeinschaften von Gläubigen als Orte für engagierte Veränderung. Der polnische Oppositionelle und spätere Außenminister seines Landes, Władysław Bartoszewski, bringt es auf den Punkt:

„Ein untrennbares Element der Demokratie ist der Wille zur Verständigung – in anderen Worten, Dialogbereitschaft.“

Władysław Bartoszewski

3. Einzelne Bausteine Demokratischer Resilienz

Was sind die relevanten Fähigkeiten, die zivilgesellschaftliche Organisationen resilienter machen? Der folgende Überblick soll sie etwas präziser beschreiben. Wir haben sechs Cluster gebildet: Vertrauen & Vertrauenswürdigkeit, transformative Kreativität, robuste Zivilität, Inklusion & Demokratisierung, kollektive Wirkungsorientierung und Kommunikation.

Vertrauen & Vertrauenswürdigkeit

Organisationen bieten Menschen Möglichkeiten zur Vertrauensbildung gegenüber anderen und sie bezeugen dies mit ihrer (nach innen und nach außen wahrnehmbaren) Glaubwürdigkeit. Ein Netz von glaubwürdigen Organisationen konstituiert die demokratische Sphäre. Dadurch mobilisieren und generieren sie soziales Vertrauen durch verschiedene Balanceakte: Zwischen Kooperation und Wettbewerb, zwischen der Bindung ihrer Mitglieder und dem Bauen von Brücken zu anderen gesellschaftlichen Gruppen.

Systemisches & politisches Verständnis

Soziales Leben ist die Interaktion zwischen verschiedenen Sphären, Logiken und Organisationen. NGOs mit dem Ziel, Wirkung in der  Gesellschaft zu erreichen, schauen auf ihre Ziele aus der Makroperspektive und auf ihren Beitrag zur Zielerreichung. Systemisches Denken beinhaltet hier auch die Fähigkeit, auf die grundlegenden Herausforderungen der Demokratie und des Staats mit eigenem Verhalten nach außen und innen zu reagieren, etwa zu: Rechtsstaatlichkeit, Korruption, Fairness oder Solidarität. Demokratische Resilienz bedingt insbesondere politisches Verständnis und wie man sich zu den grundlegenden ethisch-normativen Leitideen positioniert.

Robuste Zivilität

Konstruktivität, Menschlichkeit, Vielfalt und demokratische Spielregeln benötigt man in guten und schlechten Zeiten. Robuste Zivilität (robust civility) ist die Fähigkeit zu Redefreiheit und zum konstruktiven und friedlichen Engagement in Konflikten, sowie die Fähigkeit diese als Prinzipien zu etablieren – oder wieder zu etablieren. Hierzu zählen auch konkrete Praktiken zur Verhinderung von Verletzungen dieser Prinzipien und zur Verstärkung der Sprechfähigkeit marginalisierter Gruppen wie Demonstration, Protest, ziviler Ungehorsam.

Inklusion & Demokratisierung

Repräsentation und Beteiligung entsteht wird durch offene Experimentalräume für individuelles Engagement gefördert. Inklusiv orientierte Organisationen praktizieren gerechte und partizipative Entscheidungs- und Führungsmodelle und bieten Orte an, in denen mitreden, mitgestalten und mitentscheiden erlernt werden können. Sie kombinieren eine diversitätsbewusste Haltung mit demokratischen inneren Standards wie Responsivität, Transparenz oder klarer und legitimierter Verantwortung.

Gemeinsame Wirkung

Um gemeinsame Ressourcen herum entstehen gemeinsame Räume, das ist eine Erkenntnis, die der Idee der Commons zu Grunde liegt. Wenn Organisationen sich als demokratische Commoners betrachten oder als Teil einer größeren gemeinsamen Anstrengung zur sozialen Entwicklung, tragen sie zu neuen Gemeingütern bei, erhöhen ihre Wirkung und entwickeln ihre Kooperationsfähigkeit. Die Basis für gemeinsame Wirkung wird durch offenen Zugang gelegt, die Suche nach Win-Win-Möglichkeiten, durch Bündnisse, cross-sektorale Kompetenz und durch die Fähigkeit einzelner Organisationen, als Rückgrat oder Plattform für gemeinsame Anstrengungen zu fungieren.

Kommunikation

Besonders in autoritären Umgebungen müssen zivilgesellschaftliche Organisationen medienübergreifend kommunizieren, Kapagnenfähigkeit erwerben, blackmailing und fake news bekämpfen. Kommunikation umfasst die Summe von Kommunikation, Verhalten und Design, beziehungsweise wie diese Beziehungen nach innen und nach außen gestalten.

Obwohl sehr viele Organisationen nicht explizit mit politischen Themen  und demokratischen Anliegen verbunden sind, sollten sie sich dennoch bewusst zu ihnen verhalten. Etwa klar darlegen, mit welcher Theory of Change sie demokratische Veränderung in ihrem Umfeld und darüber hinaus sie anstreben.


4. Empowerment

Wenn Demokratische Resilienz die Fähigkeit zu aktivem, selbstbestimmten, demokratisch gesinnten gemeinsamen Handeln ist, kann sie auf der persönlichen Ebene als Fähigkeit beschrieben werden, als Civic Competence oder Demokratische Kompetenz.

„Demokratische Kompetenz ist die Fähigkeit relevante psychologische Ressourcen (speziell Werte, Haltungen, praktische Fähigkeiten, Wissen und/oder Verständnis) zu mobiliseren und zu nutzen, um angemessen und effektiv auf die Anforderungen, Herausforderungen und Möglichkeiten demokratischer Situationen zu reagieren.“

COUNCIL OF EUROPE 2018: 32

Der Ausgangspunkt ist die Ermächtigung und Befähigung einzelner Bürgerinnen und Bürger, sich öffentlich einzubringen und mitzuentscheiden. Empowerment ist ein Prozess der Vermittlung und Aneignung von Fähigkeiten zum erfolgreichen öffentlichen Handeln, zur kooperativen Selbstorganisation und zum Einbringen in Entscheidungsprozesse. [COMPETENDO] Es stellt folgende Fragen in den Fokus:

  • Wie gewinnst du Einfluss?
  • Wie nutzt du Macht?
  • Wie gestaltest du Machtbeziehungen?
  • Wie kannst du gesellschaftlich relevante Diskurse und Entscheidungen beeinflussen?

Ein wichtiger Aspekt des Empowerments ist die Fähigkeit zu Kreativität – Visionen entwickeln, geistige Antworten auf Herausforderungen finden,  individuelle und Gruppenkreativität nutzen.[ZIMMERMANN, LEONDIEVA, GAWINEK-DAGARGULIA 2018] Organisationen können Orte für Visionieren und Nachdenken und das Kreieren sein, vor allem, indem sie Platz für Initiative und aktives Engagement bieten. [BACIGALUPO, KAMPYLIS, PUNIE, VAN DEN BRANDE 2016]

Organisationen sind informelle oder non-formale Lernorte. Im Sinne der Autorinnen und Autoren der Kompetenzen für eine demokratische Kultur des Europarats sind Organisationen als unterstützende Strukturen eine Grundlage für demokratisches Handeln:

Wenn demokratische Institutionen sich nicht ohne eine begleitende demokratische Kultur selbst erhalten, ist es ebenfalls so, dass eine demokratische Kultur und interkultureller Dialog sich nicht ohne angemessen konfigurierte Institutionen aufrecht erhalten.“

COUNCIL OF EUROPE 2018: 27

Diese Ausrichtung hat Konsequenzen. Der Fokus mancher Organisation wird sich etwa verschieben von der Orientierung auf Zielgruppen oder Kunden hin zu Partnern und Mitgliedern. Damit ist auch eine andere Haltung verbunden: Mit anderen, statt für andere zu arbeiten. Es geht also um Machtteilung und darum, den Beteiligten das Lernen zu ermöglichen, wie man sich zur Beteiligung selbst ermächtigt, um damit letztlich zu mehr Stärke ziviler Akteure beizutragen.


References

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BARBER, B. B. (1984): Strong Democracy: Participatory Politics for a New Age; London;

BACIGALUPO, M.; KAMPYLIS, P.; PUNIE, Y.; VAN DEN BRANDE, G (2016): EntreComp: The Entrepreneurship Competence Framework. Luxembourg: Publication Office of the European Union; EUR 27939 EN; http://dx.doi.org/10.2791/593884

COMPETENDO – Tools for Facilitators http://www.competendo.net

COUNCIL OF EUROPE (2018): Reference Framework of Competences for Democratic Culture; Volume 1 Context, concepts and model; ISBN 978-92-871-8573-0; Strasbourg;

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PYE, L. W.; VERBA, S. (Hg.) (1972): Political Culture and Political Development; Princeton, 1972 (2. Auflage)

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