{"id":3104,"date":"2023-01-02T22:24:13","date_gmt":"2023-01-02T21:24:13","guid":{"rendered":"https:\/\/civilresilience.net\/de\/?p=3104"},"modified":"2023-01-02T22:45:16","modified_gmt":"2023-01-02T21:45:16","slug":"begegnungsraeume","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/civilresilience.net\/de\/begegnungsraeume\/","title":{"rendered":"Begegnungsr\u00e4ume &#8211; Infrastruktur f\u00fcr demokratische Resilienz &#8211; R. Manthe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\">F: F. Erben\/AdB<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der unsere Demokratie auszeichnende Pluralismus besondere Qualit\u00e4ten hat, kann man am Grad messen, wie vehement ihn die autorit\u00e4ren Kr\u00e4fte in Religion, Zivilgesellschaft und Staat ablehnen. Ihn zeichnet mehr aus als die Beteiligungs-Mindeststandards in parlamentarischen, planerischen oder Gesetzgebungsverfahren oder in den \u00f6ffentlichen Debatten. Vor allem erm\u00f6glicht unsere Demokratie vielen B\u00fcrger*innen an vielen Stellen, positive Erfahrungen mit Pluralismus und dem Austausch mit \u201eFremden\u201c zu sammeln, v\u00f6llig dem Bild gegen\u00fcberstehend, dass seine Gegner*innen zeichnen. Ein Bild, das uns zeigen soll, wie aufreibend, gef\u00e4hrlich, degenerierend, komplex oder schlicht dumm der offene und konstruktive Dialog mit Anderen sei.<\/p>\n\n\n\n<p>In R\u00e4umen, in denen Menschen und Gruppen mit unterschiedlichen Vorstellungen, Hintergr\u00fcnden und Interessen zusammenkommen, eignen sich B\u00fcrger*innen die F\u00e4higkeit zum Umgang mit Diversit\u00e4t und pluralen Perspektiven im eigenen pers\u00f6nlichen Erleben an. Deshalb ben\u00f6tigen wir solche R\u00e4ume.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist unter heutigen Bedingungen nicht gerade einfach. Gerade in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten nimmt die soziale Segregation zu, Unterschiede werden immer \u00f6fter (nur) mediatisiert (und damit auch von Dritten vorstrukturiert) erlebt. Mehr Diversit\u00e4tsbewusstsein zieht h\u00f6here Anspr\u00fcche an Begegnung nach sich. Polarisierung nimmt allgemein in der Gesellschaft zu&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Rainald Manthe ist Programmdirektor f\u00fcr Liberale Demokratie im Zentrum Liberale Moderne in Berlin und konstatiert: \u201eWir setzen uns im Alltag nicht mit den Sicht\u00adwei\u00adsen und Lebens\u00adrea\u00adli\u00adt\u00e4\u00adten der anderen B\u00fcr\u00adge\u00adrIn\u00adnen aus\u00adein\u00adan\u00adder, weil wir ihnen kaum begeg\u00adnen. Eine rein mediale Ver\u00admitt\u00adlung kann eine Begeg\u00adnung face-to-face nicht erset\u00adzen\u201c (<a href=\"https:\/\/rainald-manthe.de\/demokratie-braucht-begegnungsraeume-im-alltag\/\" data-type=\"URL\" data-id=\"https:\/\/rainald-manthe.de\/demokratie-braucht-begegnungsraeume-im-alltag\/\">Manthe 2021<\/a>).  <\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Grund sieht Manthe Staat und Zivilgesellschaft in der Pflicht, diese R\u00e4ume zu schaffen, zu bewerben und zu nutzen. NGOs, politische Bildung oder Medien haben in diesem Sinne auch eine besondere Verantwortung, dass diese Orte und Prozesse in einer Form gestaltet und moderiert werden, dass B\u00fcrger*innen, \u201edie nicht von allein zusammenfinden w\u00fcrden\u201c diese regelm\u00e4\u00dfig aufsuchen und sich ihnen gegen\u00fcber \u00f6ffnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-pullquote has-medium-font-size\"><blockquote><p>Die Fl\u00fcch\u00adtig\u00adkeit der Begeg\u00adnun\u00adgen auf Face\u00adbook und Twitter l\u00e4sst einen anders mit\u00adein\u00adan\u00adder umgehen, als mit Nach\u00adbarn, Ver\u00adeins\u00adka\u00adme\u00adra\u00addin\u00adnen oder Schul\u00adfreun\u00adden, die man wie\u00adder\u00adtrifft. Auch fehlen die Kon\u00adflikt\u00admi\u00adni\u00admie\u00adrungs\u00adme\u00adcha\u00adnis\u00admen der face-to-face-Inter\u00adak\u00adtion.<\/p><cite>R. Manthe<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Begegnungsr\u00e4ume als Infrastruktur<\/h2>\n\n\n\n<p>Indem er Begegnung nicht nur von der individuellen Wirkung her denkt, sondern sie als Infrastruktur oder systemrelevanten Teil begreift, geht der Autor \u00fcber viele \u00e4hnliche und h\u00e4ufig affirmative Ans\u00e4tze aus dem kommunitaristischen Spektrum hinaus (wie z. B. <a href=\"https:\/\/miteinanderreden.net\/\">Miteinander reden<\/a>, oder \u00dcberlegungen Einzelner, wie man eine bessere Streitkultur bef\u00f6rdern k\u00f6nne). So rufen die Einen mit Mohamed Amjahid von der taz: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Streitkultur-in-Deutschland\/!5868125\/\">Charmante Konservative gesucht<\/a>. Die anderen, entgegnen, dass es weniger woke zugehen m\u00f6ge, weil man diese Doppelmoral der Linken ja nicht aushalte. Es ist eine Sache, anderen \u00f6ffentlich ein Charmedefizit oder Doppelmoral zu diagnostizieren. Wirklich herausfordernd ist es, ihnen dies ins Gesicht zu sagen, ihre Reaktion friedlich ertragen zu m\u00fcssen und zu wissen, dass die eigene Followerschar nicht in voller Twitterst\u00e4rke unterst\u00fctzen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Soll kontroverser Austausch auf Dauer nicht zu einer statischen Zwei-Parteien-zwei Weltbilder-Polarit\u00e4t erstarren, muss unsere Aufmerksamkeit st\u00e4rker gerade denen gelten, die nicht am Lautesten in die Gesellschaft rufen (k\u00f6nnen). Jene, die nicht bereits \u00fcber viele Ressourcen und Aufmerksamkeit Verf\u00fcgenden, die Zwischent\u00f6ne und vielf\u00e4ltige Perspektiven einf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun kann man sich fragen, wie die R\u00e4ume genau aussehen, in denen das Aufeinandertreffen von Vielfalt besonders gelingt \u2013 sind es Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen, Seminare, Kneipen, B\u00fcrger*innenr\u00e4te, Bibliotheken, Sportvereine, Kongresse Stadtteile, Schulen, Stadien, ehrenamtliche Projekte, R\u00e4ume f\u00fcr die Zivilgesellschaft, soziokulturelle Zentren, Hauptstra\u00dfen&#8230;? Was Besonderes passiert dort unter welchen Umst\u00e4nden? Lassen sich daraus R\u00fcckschl\u00fcsse f\u00fcr zuk\u00fcnftige oder neue Begegnungsr\u00e4ume als Infrastruktur ziehen? Wie kann man Menschen motivieren, diese Orte aufzusuchen? Im Zuge der Beantwortung dieser Fragen k\u00f6nnen wir zu einem analytischen und forschenden Verst\u00e4ndnis von Begegnung und Interaktion gelangen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Beispiel Weltsozialforum<\/h2>\n\n\n\n<p>Manthes Promotion <a href=\"https:\/\/www.transcript-open.de\/isbn\/5616\">Warum treffen sich soziale Bewegungen?<\/a> besch\u00e4ftigte sich mit dem Weltsozialforum (Manthe 2020). <\/p>\n\n\n\n<p>Ihn interessierte, was genau die Faszination dieses Treffens aus Sicht der Teilnehmenden ausmacht, ein Ereignis, das auf vielerlei Ebenen gar nicht selbstverst\u00e4ndlich ist \u2013 schwer erreichbar, Kommunikationsbarrieren, soziale oder kulturelle Unterschiede, begrenzte Organisationsm\u00f6glichkeiten, etc.<\/p>\n\n\n\n<p>So sieht sich Manthe als soziologischen Interaktionsforscher und fragt, wie die R\u00e4ume genutzt werden, die das Weltsozialforum aufspannt. Dieser f\u00fcr dieser sich f\u00fcr Interaktionen interessierende Ansatz bietet viele M\u00f6glichkeiten, gerade auch f\u00fcr die Praxis. Denn von Projekten wie dem Weltsozialforum k\u00f6nnen wir lernen, wie Netzwerke und NGOs selber dazu beitragen k\u00f6nnen, dass Veranstaltungen und Vernetzungen partizipativ, horizontal, demokratisch und als etwas Besonderes erlebbar stattfinden k\u00f6nnen, sich also mithin von dem unterscheiden, was wir \u00fcblicherweise als Formate oder Veranstaltungen konzipieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Rahmen unserer Fachtagung \u201eWiderstandsf\u00e4higkeit demokratischer Gesellschaften st\u00e4rken\u201c hatte ich in Bad Kissingen das Vergn\u00fcgen, mit Rainald Manthe \u00fcber diese Dinge ins Gespr\u00e4ch zu kommen \u2013 Begegnungsorte als Resilienzfaktor der Demokratie. <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Seine weiterf\u00fchrenden Ideen zum Thema kann man in seinem Blog finden: https:\/\/rainald-manthe.de\/ <\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"395\" height=\"600\" src=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/manthe-weltsozialforum.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3105\" srcset=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/manthe-weltsozialforum.jpg 395w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/manthe-weltsozialforum-263x400.jpg 263w\" sizes=\"auto, (max-width: 395px) 100vw, 395px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Manthe, Rainald (2020). <a href=\"https:\/\/www.transcript-open.de\/isbn\/5616\">Warum treffen sich soziale Bewegungen?<\/a> (5-8). Bielefeld: transcript Verlag https:\/\/doi.org\/10.14361\/9783839456163<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F: F. Erben\/AdB Dass der unsere Demokratie auszeichnende Pluralismus besondere Qualit\u00e4ten hat, kann man am Grad messen, wie vehement ihn die autorit\u00e4ren Kr\u00e4fte in Religion, Zivilgesellschaft und Staat ablehnen. Ihn zeichnet mehr aus als die Beteiligungs-Mindeststandards in parlamentarischen, planerischen oder Gesetzgebungsverfahren oder in den \u00f6ffentlichen Debatten. 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