{"id":4404,"date":"2025-06-10T13:32:40","date_gmt":"2025-06-10T11:32:40","guid":{"rendered":"https:\/\/civilresilience.net\/de\/?p=4404"},"modified":"2026-03-05T23:37:36","modified_gmt":"2026-03-05T22:37:36","slug":"dem-kodierten-und-implizitenantisemitismus-auf-der-spur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/civilresilience.net\/de\/dem-kodierten-und-implizitenantisemitismus-auf-der-spur\/","title":{"rendered":"Interview mit M. Becker: Dem kodierten und impliziten Antisemitismus auf der Spur"},"content":{"rendered":"\n<p>Europ\u00e4ische Forschungsperspektiven f\u00fcr die politische Bildung. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap has-background\" style=\"background:linear-gradient(135deg,rgb(255,255,255) 0%,rgb(213,232,248) 100%)\">Das Projekt \u201eDecoding Antisemitism\u201c am Zentrum f\u00fcr Antisemitismusforschung der TU Berlin untersuchte Online-Antisemitismus in Europa mit dem Fokus auf Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Deutschland. In den Analysezeitraum fiel der 7. Oktober 2023. Was konnten die Forscher*innen beobachten? Ein Gespr\u00e4ch mit dem Projektleiter Dr. Matthias J. Becker.<br><br>Erschienen in: <a href=\"https:\/\/fachzeitschrift.adb.de\/dem-kodierten-und-impliziten-antisemitismus-auf-der-spur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Au\u00dferschulische Bildung<\/a> Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung, 02\/2025, Rechtsterrorismus in Deutschland, S. 52-55<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was war Ihr Ziel mit dem Projekt Decoding Antisemitism? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollten Antisemitismus mit verschiedenen Herangehensweisen, interdisziplin\u00e4r und international untersuchen. Also eben nicht \u2013 wie wir es aus der Linguistik und Geschichte oft kennen \u2013 nur qualitativ die antisemitische Rhetorik im Detail anschauen oder, im Gegensatz dazu, rein quantitativ arbeiten und lediglich bestimmte problematische W\u00f6rter in einem Kommunikationsraum ausz\u00e4hlen. Mit nur einer Methode kommen wir letzten Endes nicht wirklich weit.<\/p>\n\n\n\n<p>Antisemitismus ist eine Hassideologie, die sich aus so vielen Konzepten zusammensetzt und in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts tabuisiert wurde, zumindest in Teilen Europas. Es geht dabei nicht nur um die Vorstellung, dass Juden gierig seien oder Macht h\u00e4tten oder Kinder umbringen w\u00fcrden. Auch diese ganzen historischen Analogien in Bezug auf den j\u00fcdischen Staat werden nicht immer eins zu eins reproduziert. Es gibt ein weites Spektrum an subtilen, impliziten und kodierten Formen des Antisemitismus. Das Decoding Antisemitism-Projekt hatte daher zum Ziel, zun\u00e4chst Geistes- und Sozialwissenschaften zu vereinen, um eine Taxonomie des Antisemitismus zu erarbeiten \u2013 dabei sollten auch politisch moderate Kontexte ber\u00fccksichtigt werden, wie etwa die sozialen Medien des politischen Mainstreams. Unser Ansatz bestand darin, die Expertise eines vielf\u00e4ltigen, interdisziplin\u00e4ren Forscher-Teams mit dem Bereich der Data Science zu verbinden. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie gelang es, diese subtilen \u00c4u\u00dferungen und die Graustufen mit zu ber\u00fccksichtigen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir wollten vermeiden, dass Data Scientists mit ihren Vorannahmen dar\u00fcber, wie Antisemitismus ausschaut, einfach Modelle trainieren, denen es letztlich an der n\u00f6tigen Detailsch\u00e4rfe fehlt. Wir wussten auch, dass auf der anderen Seite qualitativ arbeitende Forscher den Social-Media-Diskurs oft nur in kleinen Ausschnitten abdecken k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Es muss also eine Balance geben: Wir m\u00fcssen tiefgehend verstehen, wodurch sich antisemitische Kommunikation heutzutage auszeichnet, und Klassifikationsmodelle m\u00fcssen diese Nuancen begreifen, damit wir diese Tiefe dann auch breiter anwendbar machen k\u00f6nnen \u2013 f\u00fcr eine h\u00f6here Repr\u00e4sentativit\u00e4t.<br>Im Projekt verfolgten wir diesen Ansatz f\u00fcr drei Sprachgemeinschaften: Deutsch, britisches Englisch und Franz\u00f6sisch, \u00fcber einen Zeitraum von f\u00fcnf Jahren. Im Kern haben wir uns mit knapp 30 Fallstudien besch\u00e4ftigt und nicht nur einfach nach W\u00f6rtern geschaut, sondern immer auch nach Diskursereignissen Ausschau gehalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"467\" src=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/Becker_2-700x467.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4413\" srcset=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/Becker_2-700x467.jpg 700w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/Becker_2-400x267.jpg 400w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/Becker_2-768x512.jpg 768w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/Becker_2-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/Becker_2-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/Becker_2-800x533.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Dr. Matthias J. Becker \u00a9 Kay Herschelmann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Ein gemeinsames Ereignis, das alle Sprachgemeinschaften wahrnehmen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das kann es sein. Es kann aber auch auf ein Land beschr\u00e4nkt sein, wie etwa der Skandal um den Comedian Dieudonn\u00e9 in Frankreich oder die \u201eDocumenta 15\u201c in Deutschland. Nat\u00fcrlich gibt es auch internationale Diskursevents wie den 7. Oktober, der Angriff auf die Ukraine oder die Pandemie.<\/p>\n\n\n\n<p>Also haben wir uns die Social-Media-Kan\u00e4le politisch moderater Medien in diesen drei L\u00e4ndern angesehen. Dabei sieht man einen unterschiedlichen Grad an Salonf\u00e4higkeit von Antisemitismus und unterschiedliche Konzepte, wie Stereotype und Analogien. Auch die Sagbarkeit ist scheinbar sehr unterschiedlich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"656\" height=\"421\" src=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-antisemitism.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4407\" srcset=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-antisemitism.jpg 656w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-antisemitism-400x257.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 656px) 100vw, 656px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Abbildung: Reaktionen auf das Scheikh-Jarrah-Viertel-Verfahren 2021 und auf den 7. Oktober 2023 im Vergleich. Nach dem 7. Oktober ist in allen drei Sprachr\u00e4umen (DE, FR, UK) eine Brutalisierung des antisemitischen Diskurses zu beobachten. Die Intensit\u00e4t zwischen den L\u00e4ndern ist unterschiedlich. Quelle: Decoding Antisemitism, relative Werte<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Quer durch alle 30 Fallstudien haben wir festgestellt, dass in den britischen Corpora sowohl die H\u00e4ufigkeit als auch die Deutlichkeit antisemitischer Rhetorik st\u00e4rker waren als in Deutschland. Gro\u00dfbritannien und Deutschland bildeten zwei Extreme, und Frankreich war je nach Diskursereignis eher eine Art Pendel dazwischen \u2013 mal n\u00e4her an den drastischen, direkten Formen des britischen Antisemitismus, mal nicht. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass es in Deutschland kein Problem gibt; dies bezieht sich auf den Kommunikationsraum politisch moderater Medien, in denen sich viele Menschen bedeckt hielten oder es subtil blieb, oder der Diskurs wurde in andere Plattformen getragen, die nicht moderiert werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Man kann diese Unterschiede nur dann herausfinden, wenn man sich zuerst qualitativ den Reaktionen der User im Detail n\u00e4hert, diese genau beschreibt, eine klare Linie zieht zwischen Grauzonen und dem, was bereits kodierter Antisemitismus ist. Die Ergebnisse dieser qualitativen Inhaltsanalysen werden dann als Basis f\u00fcr quantitative Analysen verwendet. Das geschieht in anderen Forschungsprojekten eher andersrum: man beginnt quantitativ und schaut sich dann die Treffer qualitativ an. <\/p>\n\n\n\n<p>Das h\u00e4tte aber \u00fcberhaupt nicht funktioniert, weil man im deutschen Sprachraum relativ wenig  Schimpfw\u00f6rter oder direkte Bez\u00fcge zu Stereotypen gefunden h\u00e4tte. Aber trotzdem wurden antisemitische Vorstellungen kommuniziert, nicht auf der Wortebene, sondern \u00fcber rhetorische Fragen und andere indirekte Formen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hei\u00dft das, sobald etwas kodiert wird, sobald es implizit wird, hat KI ihre Probleme und es kommt darauf an, dass qualitative Forschung erg\u00e4nzt, in Konsequenz auch die Algorithmen darauf aufbauend modifiziert werden? <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das trifft auf jeden Fall zu. Einerseits fehlt den Modellen das notwendige Weltwissen. Ein Beispiel ist die Aussage \u201eJemand sollte George Soros eine \u201aDusche\u2018 geben.\u201c Mit dem richtigen historischen Wissen zum Holocaust k\u00f6nnen wir verstehen, dass hier die Gaskammern gemeint sind und dass hier ein indirekter Todeswunsch zum Ausdruck gebracht wurde. Modelle haben dieses Wissen nicht immer. Und noch schwieriger wird es mit besonders subtilen Sprechakten.<\/p>\n\n\n\n<p>Generative KI-Modelle sind beeindruckend, aber sie erfassen viele Nuancen nicht. Ein weiteres Beispiel ist die Formulierung \u201eSchwindlers List\u201c, die mit Verweis auf Spielbergs Film einerseits den Holocaust mittels Wortspiel als L\u00fcge bezeichnet, andererseits mittels \u201eList\u201c einen Plan zur Ausbeutung des Holocaust unterstellt. \u201eH\u00f6lzerne T\u00fcren?\u201c ist eine rhetorische Frage, die nahelegt, dass das mit den Gaskammern eigentlich gar nicht so gewesen sein kann. Verschw\u00f6rungsnarrative dieser Art fu\u00dfen darauf, dass die Rote Armee h\u00f6lzerne T\u00fcren gefunden haben soll, die im Prinzip ja gar nicht f\u00fcr den Zweck beschaffen seien. Dementsprechend wird kodiert kommuniziert, dass es den Massenmord in den Gaskammern gar nicht gegeben haben kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Weltwissen ist ein zentraler Aspekt, aber auch das sogenannte Kontextwissen ist entscheidend. Dabei geht es nicht nur um kulturellen Kontext, sondern um den direkten sogenannten Ko-Text eines Kommentars. Wenn jemand zum Beispiel sagt: \u201eDieser Typ ist ein L\u00fcgner, schaut euch seinen Hintergrund an\u201c, muss das Modell verstehen, dass sich \u201edieser Typ\u201c auf George Soros bezieht, der in einen vorherigen Kommentar oder in einer Reihe von Kommentaren genannt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Querverbindungen sind bei Social-Media-Diskursen total essentiell. Ein Kommentar ruft eine Reaktion hervor, aber zwischen den beiden liegt oft eine semantische L\u00fccke \u2013 Ellipsen und Anaphern sind hier h\u00e4ufig, aber bei vielen Klassifikationsmodellen fallen diese unter den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch in Bildungsprozessen m\u00fcssen wir antisemitische \u00c4u\u00dferungen genauer verstehen lernen, um auf sie zu reagieren. Etwa bei der Intervention zwischen Person und \u00c4u\u00dferung unterscheiden, genauer nachfragen, was jemand eigentlich meint, verstehen, auf wen sich eine \u00c4u\u00dferung bezieht. Sehen Sie da Parallelen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ja, definitiv. Ob offline oder auf einem amerikanischen Campus \u2013 Menschen wiederholen oft Formeln, Redewendungen und Slogans, ohne die dahinterstehende inhaltliche Dimension zu verstehen. In Interviewsituationen werden dann viele nerv\u00f6s, weil sie die gesamte inhaltliche Dimension des Begriffs \u201eApartheid\u201c, \u201eGenozid\u201c oder \u201eHolocaust\u201c \u00fcberhaupt nicht verstanden haben. <br>Zum Beispiel bei der Formel \u201eFrom the river to the sea\u201c. Nach dem 7. Oktober wurden in Gro\u00dfbritannien, Frankreich und den USA Demonstranten gefragt, was sie damit genau meinen, welche geografische Region gemeint ist und was mit der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung passieren soll. Viele Leute reproduzieren jene Formeln, die sie andauernd h\u00f6ren und machen sich zu Tr\u00e4gern dieser Tropen, ohne zu verstehen, was sie bedeuten und in welche Tradition sie sich begeben. Sie schaffen Reproduktionsmuster, meist nicht immer komplett intentional. Bei jenen Journalisten oder Politikern, die kontinuierlich antisemitische \u00c4u\u00dferungen t\u00e4tigen, kann man nat\u00fcrlich von Intentionalit\u00e4t sprechen. Bei anonymen Web-Usern ist es wesentlich schwerer. Daher haben wir weniger von \u201eAntisemiten\u201c gesprochen als von \u201eantisemitischen \u00c4u\u00dferungen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sie haben auch verschiedene Begleitmaterialien entwickelt, viele auch in deutscher Sprache. Ihr Lexikon zur Identifizierung von Antisemitismus online ist zuletzt auf Englisch erschienen. Es handelt sich um ein gro\u00dfes Buch mit vielen Beispielen aus ihrer Arbeit, dazu frei downloadbar. Wie kam es dazu?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr 2022, nach zahlreichen Workshops und Konferenzbesuchen, wurde uns klar, dass es sinnvoll w\u00e4re,<br>genauer zu beschreiben, was wir in unseren qualitativen Analysen tun und warum es wichtig ist, \u00fcber Sprachgrenzen hinweg \u00fcbereinzustimmen, wo die Grenze zwischen explizitem und implizitem Antisemitismus verl\u00e4uft und wie wir die Grauzonen definieren k\u00f6nnen, die nicht zwangsl\u00e4ufig<br>antisemitisch sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem nahmen wir so viele inhaltliche, strukturelle oder sprachliche Aspekte des Antisemitismus wahr, dass wir dachten, diese nicht nur an Kollegen im Forschungsbereich weiterzugeben, sondern auch an Lehrkr\u00e4fte, Influencer, Politiker und Polizisten, also alle m\u00f6glichen Zielgruppen, um ihnen zu helfen, die Ergebnisse und zahlreichen Vorteile der linguistischen und bildbezogenen qualitativen Inhaltsanalyse zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLexikon\u201c mag zuerst einmal elaboriert und relativ aufwendig klingen \u2013 aber die Besch\u00e4ftigung mit Sprache, Hassrede und Argumentationsmustern ist sehr spannend. Mit dem Lexikon zeigen wir, was wir zu 70\u201380 Prozent Aufwand im Projekt mit diesen Inhaltsanalysen erreicht haben. Es ist Open Access und frei zug\u00e4nglich.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was findet man im Lexikon?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Konkret stellen wir in mehr als 40 Kapiteln Beispiele aus unseren Datens\u00e4tzen vor. Jedes dieser Kapitel beschreibt ein Konzept, etwa \u201ej\u00fcdische Macht\u201c oder \u201eKindermord\u201c oder \u201eGier\u201c und andere. Es wird so konsistent wie m\u00f6glich beschrieben, damit eben Social Media-Forscher, Content-Moderatoren und andere nachschlagen k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Kapitel beginnt mit einem historischen \u00dcberblick, gefolgt von einer knappen Definition in Bullet Points und einem empirischen Abschnitt: Dabei zeigen wir explizite Beispiele sowie deren implizite Versionen und erkl\u00e4ren, wie sie sich unterscheiden. Wir erl\u00e4utern, welches Weltwissen und Kontextwissen erforderlich sind, um diese zu dekodieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Die dritte Kategorie umfasst die Grauzonen, die auch harte und aggressive Beispiele beinhalten k\u00f6nnen.<br>Wir haben konservativ kodiert: Wenn eine \u00c4u\u00dferung mehrere Lesarten hat, von denen eine nicht  antisemitisch ist, haben wir sie als nicht antisemitisch gelabelt, um sicherzustellen, dass unser Trainingsmaterial in der KI-Anwendung nicht zu sogenannten False Positives oder False<br>Negatives f\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr politische Bildner*innen in verschiedenen Bereichen der politischen Bildung ein tolles Nachschlagewerk. Damit geben Sie den Lesern die M\u00f6glichkeit zum schnellen \u00dcberblick \u00fcber das gesamte Spektrum eines Motivs \u2013 explizit-implizit-ambivalent \u2013 n\u00fctzlich auch, um einordnen zu k\u00f6nnen, was man im eigenen Bildungsraum h\u00f6rt \u2026<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Genau. Das Thema ist in den letzten zwei Jahren sehr aufgew\u00fchlt. Es ist wichtig, dass wir  wissenschaftliche Erkenntnisse ber\u00fccksichtigen, um zu verstehen, worin das gemeinsame Verst\u00e4ndnis in der Forschung liegt. Journalisten glauben oft, dass sich die Wissenschaftler selbst nicht dar\u00fcber einig sind, was Antisemitismus eigentlich ist. <\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Grabenk\u00e4mpfe w\u00fcrde ich mit diversen Kollegen in Europa und den USA mitgehen: Der Gro\u00dfteil antisemitischer Konzepte wird von der seri\u00f6sen Mehrzahl der Forschenden \u00e4hnlich betrachtet. Streitpunkte gibt es vor allem bei den historischen Analogien im Israel-bezogenen Diskurs oder bei der Infragestellung des israelischen Existenzrechts. Aber die gesamte Palette antisemitischer Stereotype und auch die aggressiven Sprechakte, die im sechsten Teil des Buches behandelt werden, sind unstrittig. <\/p>\n\n\n\n<p>Nur in ausgew\u00e4hlten F\u00e4llen wird man sich noch in zehn Jahren bei Konferenzen ordentlich angehen. Was aber eben fehlt, ist die Auseinandersetzung mit der sprachlichen Ebene. Wo k\u00f6nnen wir als Lehrkr\u00e4fte sagen, okay, hier sind jetzt alle Bedingungen erf\u00fcllt, dass wir das jetzt problematisieren k\u00f6nnen?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bekommen Sie R\u00fcckmeldungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gab nicht viele Artikel in Zeitungen. Online hingegen wurde das Lexikon innerhalb der letzten drei Monate \u00fcber 130.000 Mal heruntergeladen. Das ist eine korpuslinguistische Arbeit, und normalerweise verliere ich die H\u00e4lfte meines Publikums, wenn ich von Sprechakttheorie spreche. Aber die Reaktionen auf dieses Buch haben gezeigt, wie sehr es solche Leitf\u00e4den braucht. Es gibt ein Bed\u00fcrfnis, diese Thematik genauer zu verstehen und sich mit den Zuordnungen sicher zu f\u00fchlen. Und daf\u00fcr ist das Lexikon gedacht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-16018d1d wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button is-style-outline is-style-outline--1\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/fachzeitschrift.adb.de\/dem-kodierten-und-impliziten-antisemitismus-auf-der-spur\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">zum Artikel (Bezahlschranke)<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Weitere Informationen<\/h2>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\"><div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large\"><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-031-49238-9\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"989\" src=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-as-codebook-700x989.webp\" alt=\"\" class=\"wp-image-4409\" srcset=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-as-codebook-700x989.webp 700w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-as-codebook-283x400.webp 283w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-as-codebook-768x1085.webp 768w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-as-codebook-800x1130.webp 800w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/decoding-as-codebook.webp 827w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/figure>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:50%\">\n<p class=\"has-background\" style=\"background:linear-gradient(135deg,rgb(138,173,227) 1%,rgb(254,254,254) 100%)\">Matthias J. Becker, Hagen Troschke, Matthew Bolton,  Alexis Chapelan (2024): Decoding Antisemitism. A Guide to Identifying Antisemitism Online. Postdisciplinary Studies in<br>Discourse. Schweiz 2024, Palgrave Macmillan Cham.<br><a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-031-49238-9\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Download<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Aus dem Projekt heraus ist ein <strong>Handbuch<\/strong> entstanden, das explizite und kodierte Formen des Antisemitismus an <strong>\u00fcber 40 antisemitische Konzepte<\/strong> beschreibt \u2013 von Stereotypen \u00fcber Verschw\u00f6rungstheorien bis hin zu israelbezogenem Antisemitismus. Es ist ein verst\u00e4ndlicher Leitfaden und eine Einf\u00fchrung in die expliziten und kodierten Formen des aktuellen Antisemitismus und bietet Erkenntnisse des internationalen Forschungsprojekts, das sich mit realen Erscheinungsformen in Gro\u00dfbritannien, Frankreich, Deutschland und den USA besch\u00e4ftigte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von Affirmationen antisemitischer Gewalt bis Verschw\u00f6rungstheorien identifizieren und kategorisieren die Autor*innen \u00fcber 40 antisemitische Konzepte: Stereotype, Tropen j\u00fcdischer Macht und Einflussnahme,<br>Elemente des israelbezogenen Antisemitismus, Post-Holocaust-Konzepte, sowie antisemitische Sprechakte, bspw. Beschimpfungen, Drohungen oder Todesw\u00fcnsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Jedes Kapitel enth\u00e4lt eine historische Einordnung und Erl\u00e4uterung des jeweiligen Konzepts, eine Definition sowie Beispiele f\u00fcr explizite und implizite Formen. Zudem werden diese von nicht per se antisemitischen Grauzonen abgegrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil das Lexikon mit realen und aktuellen Beispielen arbeitet, eignet es sich sehr gut f\u00fcr eine um Aktualit\u00e4t bem\u00fchte politische Bildung. Es erkl\u00e4rt Kontexte, verdeutlicht das Spektrum, wie aktuell in der Mitte der Gesellschaft gesprochen wird. Das Lexikon und die anderen Produkte des Projekts Decoding Antisemitism bieten eine fundierte Analyse kodierter und impliziter Formen digitaler antisemitischer Kommunikation. <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Das Lexikon ist in englischer Sprache erschienen und steht zum <strong>freien Download<\/strong> bereit: <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-031-49238-9\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doi.org\/10.1007\/978-3-031-49238-9<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Mehr zum Projekt und weiteren Materialien, die auch f\u00fcr die politische Bildung nutzbar sind: <a href=\"https:\/\/decoding-antisemitism.eu\">https:\/\/decoding-antisemitism.eu<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Europ\u00e4ische Forschungsperspektiven f\u00fcr die politische Bildung. 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