{"id":904,"date":"2018-10-15T16:20:32","date_gmt":"2018-10-15T16:20:32","guid":{"rendered":"http:\/\/civilresilience.net\/?p=904"},"modified":"2021-02-27T19:19:47","modified_gmt":"2021-02-27T19:19:47","slug":"die-multilarale-regierungs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/civilresilience.net\/de\/die-multilarale-regierungs\/","title":{"rendered":"Die multilaterale Regierungs\u00fcbereinkunft als Alternative zu EU-Ratsentscheidungen: eine kreative Antwort auf die populistischen Regierungen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die polnischen und ungarischen Regierungen haben sehr zum Verdruss der Mehrheit der Europ\u00e4er bislang ohne gro\u00dfe Konsequenzen an der Einschr\u00e4nkung ihrer Rechtsstaatlichkeit arbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Dinge legitimieren dies aus ihrer Sicht. Erstens: Uns kann keiner was, solange sich ein Komplize findet, der Sanktionierungen durch die europ\u00e4ischen Institutionen blockiert.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Zweitens: Wir wollen das ja nicht, aber die Verh\u00e4ltnisse zwingen uns dazu. Korrupte Richter, Fl\u00fcchtlinge, alte Seilschaften&#8230; Im Stile konservativer Revolution\u00e4re bem\u00e4chtigen sie sich der Denkfigur des Ausnahmezustands. Um fundamentale Werte wie &#8222;Souver\u00e4nit\u00e4t&#8220; oder &#8222;Recht und Gerechtigkeit&#8220; herzustellen, m\u00fcsse ihrer Ansicht nach am Rechtsstaat gehobelt werden. Man d\u00fcrfe das, weil man berufen ist und den Volkswillen sp\u00fcre und exekutiere. Frei nach Karl Schmitt: <em>&#8222;Souver\u00e4n ist, wer \u00fcber den Ausnahmezustand entscheidet.\u201c<\/em> Mehr \u00fcber die Denkfigur in einem <a href=\"http:\/\/civilresilience.net\/en\/autoritaerer-wandel-in-mitteleuropa-1-ausnahmezustand\/\">anderen Artikel<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus Sicht der populistischen Regierungen war das bislang relativ gut m\u00f6glich, weil es auf europ\u00e4ischer Ebene wenig Handhabe gibt und gleichzeitig kein Interesse an Eskalation und Feindschaft. Leute wie Kaczynski, Orban oder Salvini konnten vor diesem Hintergrund dosiert eskalieren und dank ihrer Verb\u00fcndeten die Eskalation im Europ\u00e4ischen Rat auch kontrollieren.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">L\u00e4sst sich das Einstimmigkeitsprinzip ausnahmsweise brechen?<\/h2>\n\n\n\n<p>Aber was w\u00e4re, wenn auch die Mehrheit der europ\u00e4ischen Staaten ihre legalistische strikt vertragstreue Haltung \u00fcberdenken w\u00fcrde? Wenn sie sich etwa zum ausnahmsweisen Bruch des Einstimmigkeitsprinzips selbst erm\u00e4chtigen w\u00fcrden? Etwa, wenn man in gro\u00dfer Geschlossenheit erkl\u00e4ren w\u00fcrde, dass die in den Vertr\u00e4gen beschriebene Einstimmigkeit des Europ\u00e4ischen Rats zwar wichtig sei, aber man im Angesicht gro\u00dfer Krisen &#8222;ausnahmsweise&#8220; zu breiten Mehrheitsentscheidungen greifen m\u00fcsse, um Schlimmes zu verhindern, das durch Nicht-Entscheidenk\u00f6nnen die Folge w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Pr\u00e4zedenzfall Grundrechtecharta?<\/h2>\n\n\n\n<p>Dass diese M\u00f6glichkeit zumindest experimentell besteht, hat uns vor ein paar Tagen der \u00f6sterreichische Justizminister vor Augen gef\u00fchrt und alle haben mitgemacht. Konkret ging es darum, dass der polnische Justizminister <a href=\"https:\/\/www.n-tv.de\/politik\/Polen-blockiert-Grundrechte-Charta-der-EU-article20666960.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Zbigniew Ziobro die Verabschiedung eines Beschlusses zur EU Grundrechtecharta blockiert hat<\/a>, weil wie immer Einstimmigkeit vorausgesetzt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Was ist dann passiert? \u00d6sterreich als Ratsvorsitz hat eine Erkl\u00e4rung herausgegeben, der sich alle L\u00e4nder au\u00dfer Polen angeschlossen haben. Das war neu. Der \u00f6sterreichische Minister Josef Moser sagte, so habe <em>&#8222;der Rat sich mit Ausnahme im Wesentlichen der Stimme von Polen zu den Grundrechten bekannt&#8220;<\/em>. Im <a href=\"http:\/\/data.consilium.europa.eu\/doc\/document\/ST-13093-2018-INIT\/en\/pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">EU-Protokoll<\/a> hei\u00dft das: <em>&#8222;However, the Presidency concluded that the text annexed was supported or not objected to by 27 delegations:&#8220;&nbsp;<\/em>Was bedeutet das eigentlich?&nbsp;Zumindest wurde dem \u00fcblichen Europ\u00e4ischen Ratsbeschlusses damit eine Art europ\u00e4ische multilaterale Regierungs\u00fcbereinkunft beigestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut m\u00f6glich, dass die frustrierte Mehrheit im Europ\u00e4ischen Rat das in Zukunft etwas austesten m\u00f6chte. Man kann mit Spannung schauen, ob die aus der Not des deadlocks geborene Kreativit\u00e4t der anderen Staaten \u00fcber diesen Einzelfall hinaus anh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Den Vertrag brechen, um die EU-Handlungsf\u00e4higkeit zu retten?<\/h2>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re interessant zu sehen, wie die Apologeten des Ausnahmezustands ihre Opferrolle rechtfertigen, wenn auf \u00e4hnliche Weise auch harte Entscheidungen an ihnen vorbei oder sogar gegen sie getroffen werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Vorsicht, wenn die Mitglieder des Europ\u00e4ischen Rats dezisionistische Kreativit\u00e4t entwickeln, schw\u00e4chen sie diesen als Organ und sie besch\u00e4digen die europ\u00e4ische Rechtskultur. Warum sollte man dann in Zukunft noch EU-Kommissionsrichtlinien in nationales Recht umsetzen, wenn selbst eins der europ\u00e4ischen Organe sich nicht an die Vertr\u00e4ge h\u00e4lt?<\/p>\n\n\n\n<p>Andererseits droht die EU im Schwitzkasten der Populisten tats\u00e4chlich handlungsunf\u00e4hig zu werden. In diesem Sinne kann es legitim sein, dass man sich politisch aus diesem Schwitzkasten befreit, wenn die Probleme die Funktionsweise der EU insgesamt zu beeintr\u00e4chtigen drohen. Nur: Wann ist dieser Punkt erreicht und wer stellt ihn fest?<\/p>\n\n\n\n<p>So sehr man sich \u00fcber gewonnene politische Handlungsf\u00e4higkeit freuen w\u00fcrde, so sehr muss man sich sorgen, ob der Preis daf\u00fcr nicht zu teuer w\u00e4re. Was sind die Alternativen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die polnischen und ungarischen Regierungen haben sehr zum Verdruss der Mehrheit der Europ\u00e4er bislang ohne gro\u00dfe Konsequenzen an der Einschr\u00e4nkung ihrer Rechtsstaatlichkeit arbeiten k\u00f6nnen. Zwei Dinge legitimieren dies aus ihrer Sicht. 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