{"id":1517,"date":"2019-08-25T12:19:50","date_gmt":"2019-08-25T10:19:50","guid":{"rendered":"http:\/\/civilresilience.net\/?p=1517"},"modified":"2024-01-03T18:53:54","modified_gmt":"2024-01-03T17:53:54","slug":"uncivil-society","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/uncivil-society\/","title":{"rendered":"Uncivil Society und  Resilienz: Was k\u00f6nnen Demokraten von ihnen lernen?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-very-light-gray-background-color has-background\">H\u00e4ngen wir eigentlich einem zu positiven Bild der Zivilgesellschaft nach? Demokratische R\u00e4ume seien ohne b\u00fcrgerschaftliche Selbstorganisation nicht vorstellbar. Die Verdienste &#8220;der Zivilgesellschaft&#8221; lobend, das Ehrenamt als Ehre preisend. <br><br>Die Hoffnung in &#8220;die Zivilgesellschaft&#8221; scheint oft eine Projektion zu sein, zumal eine, die oft die gro\u00dfen Spieler im Feld meint, wie Amnesty International, Greenpeace, den World Wildlife Fund oder das Rote Kreuz. Wenn meistens wohl nicht die kleine Initative gemeint ist, die sich im kleinen Nebenzimmer der Stadbibliothek trifft, tragen nicht die vielen Kleinen mehr zur demokratischen Kultur bei als einige gut Vernetzte gro\u00dfe NGOs? Sind es nicht die Vielen, die eine demokratische <em>Civic Culture<\/em> widerstandsf\u00e4hig und kreativ halten, weil sie R\u00e4ume f\u00fcr Gemeinsinn schaffen, weil sie Lern- und Umsetzungsorte f\u00fcr Engagement schaffen? <br><br>Wenn diese auch wichtig sind, so sind gerade sie oft nicht stabil und anf\u00e4llig, wenn sich das demokratische Klima polarisiert oder F\u00f6rderungen sich ver\u00e4ndern. Dabei geht es nicht unbedingt um den Kampf David gegen Goliath, denn die Gegner stehen oft auch in der Zivilgesellschaft und km\u00e4mpfen von dort aus gegen Pluralismus, Menschenrechte oder Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">In Europa sind wir Zeuge einer sozialen und politischen Transformation aus den Tr\u00fcmmern des Staatssozialismus. Mit viel Enthusiasmus, etwas Naivit\u00e4t und dem Glauben an einen Top-Down-Ansatz haben hier westliche F\u00f6rderer ein Netz neuer zivilgesellschaftlicher Organisationen (mit)geschaffen. Viel Geld wurde in Training und Organisations-Management gesteckt. George Soros zum Beispiel hat sich seit den 80er Jahren sehr f\u00fcr Fidesz und den Stipendiaten Viktor \u00d3rban eingesetzt, wie man wei\u00df, durchaus mit Erfolg. Auch wenn das ein Extrembeispiel ist, so liegt man wohl nicht ganz falsch, wenn man den F\u00f6rderansatz als personen- und managementzentriert beschreibt. <\/p>\n\n\n\n<p>Susann Worschech hat die Wirkung externer Demokratieunterst\u00fctzer f\u00fcr die Ukraine untersucht und kommt zu dem Schluss, dass es eine starke Verengung der Priorit\u00e4ten auf die Professionalisierung der NGO-Landschaft gegeben hat. Zwar wurden auch diejenigen unterst\u00fctzt, die statt in die Spitze in die Breite der politischen Kultur wirken wollten, in die Haltungen der breiten Bev\u00f6lkerung zur Demokratie. Allerdings hatte diese F\u00f6rderung sehr oft den Charakter eines Assessment Centers. Sie diente der Entdeckung neuer Talente oder Themen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">Susann Worschech: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Konkurrenz statt Kooperation - Die Entstehung \u201aGeteilter Zivilgesellschaften\u2018 im postsozialistischen Europa (opens in a new tab)\" href=\"http:\/\/publikationen.soziologie.de\/index.php\/kongressband_2016\/article\/view\/557\/pdf_159\" target=\"_blank\">Konkurrenz statt Kooperation &#8211; Die Entstehung \u201aGeteilter Zivilgesellschaften\u2018 im postsozialistischen Europa<\/a> in: Stephan Lessenich (Hg.) 2017: Geschlossene Gesellschaften. Verhandlungen des 38. Kongresses der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Soziologie in Bamberg 2016<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Befund lie\u00dfe sich meinem Eindruck nach auf andere L\u00e4nder \u00fcbertragen. Was wollte man eigentlich in den 90ern erreichen? Schon Kenneth Newton hat 1999 hingewiesen, dass f\u00fcr die Schaffung von sozialem Vertrauen, f\u00fcr die Entwicklung demokratiekompatibler Haltungen zu den Mitmenschen und f\u00fcr die Bildung von sozialem Kapital nicht Professionalit\u00e4t oder Gr\u00f6\u00dfe einer Organisation entscheidend sind, sondern die Wirkung einer Organisation nach innen, auf die Haltung und das Handeln der beteiligten Menschen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td><\/td><td><em>starke Wirkung <\/em><br><em>nach au\u00dfen<\/em><\/td><td><em>schwache Wirkung <\/em><br><em>nach au\u00dfen<\/em><\/td><\/tr><tr><td><em>starke Wirkung <\/em><br><em>nach innen<\/em><\/td><td>pluralistische <br>Organisationen<\/td><td>Selbsthilfe-, Unterst\u00fctzungs- <br>und Bewusstmachungsgruppen<\/td><\/tr><tr><td><em>schwache Wirkung <\/em><br><em>nach innen<\/em><\/td><td>Scheckschreiber-<br>Organisationen<\/td><td>kleine, ad hoc, informelle <br>Unterst\u00fctzungs und <br>Pflegegruppen<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">K. Newton: Social Capital and European Democracy in: M. Maraffi, K. Newton, J. V. Deth, P. Whiteley: Social capital and democracy in modern Europe, Routledge 1999; p.12<\/p>\n\n\n\n<p>Was als erfolgreich gilt und was es langfristig ist, sind zwei verschiedene Dinge. Gesellschaftliche Wirkung, freiwilliges Engagement, kontinuierliches (lokales) Engagement und die Schaffung von R\u00e4umen, in denen sich vielf\u00e4ltige Stimmen artikulieren k\u00f6nnen, waren willkommen, aber wenig gef\u00f6rdert und offenbar nicht erfolgversprechend genug. Weil man professionelles Organisationsmanagement, F\u00f6rdererorientierung, Governance-Fokus und Beratungsexpertise pr\u00e4ferierte,  hatte diese (externe) Priorit\u00e4tensetzung sicher auch eine Auswirkung auf das Selbstbild von Aktivistinnen und Aktivisten und ihre Vorstellung von einer funktionierenden Zivilgesellschaft. F\u00fcr Georgien, die Ukraine und Moldova diagnostizierte Orysia Lusevich die Herausbildung eines weitgehend von den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern entkoppelten Teils der Zivilgesellschaft in einer <em>NGOcracy<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">O. Lutsevich: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"How to Finish a Revolution: Civil Society and Democracy in Georgia, Moldova and Ukraine (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.chathamhouse.org\/publications\/papers\/view\/188407\" target=\"_blank\">How to Finish a Revolution: Civil Society and Democracy in Georgia, Moldova and Ukraine<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Auf einen interessanten Aspekt wei\u00dft uns die obenstehende Tabelle ebenfalls hin: Noch bevor die Themen &#8220;Inklusion&#8221;, &#8220;Antidiskriminierung&#8221; oder &#8220;Diversity&#8221; Mainstream wurden, wei\u00dft der Begriff &#8220;pluralistische Organisationen&#8221; darauf hin, welchen wichtigen Beitrag Pluralismus als Haltung f\u00fcr eine <em>demokratische<\/em> B\u00fcrgergesellschaft hat. Sicherlich ist es kein Zufall, dass viele Initiativen gegen Faschismus, Rechtsextremismus und f\u00fcr eine &#8220;bunte&#8221; Gesellschaft Beispiele f\u00fcr erfolgreiches bottom-up-Engagement auch in einem  sie herausfordrnden Umfeld sind. Zudem zeigen sie, wie F\u00f6rderung und St\u00e4rkung von Grassroot-Engagement anders praktiziert werden k\u00f6nnen (beispielhaft erw\u00e4hnt sei <em>Tolerantes Brandenburg<\/em>). <\/p>\n\n\n\n<p>Abgesehen von den Beitr\u00e4gen der Demokratief\u00f6rderer sollen auch die innergesellschaftlichen Probleme benannt werden, vor denen sich als partizipativ und deliberativ begreifende Organisationen und Bewegungen in der Transformationszeit standen und heute nach wie vor stehen. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Punkt war sicher, dass die Netzwerke, die aufgebaut wurden, nicht nachhaltig sein konnten, weil nach einem zu schnellen Abzug von F\u00f6rderern etwa aus einer Region diese zusammenbrachen. Erst in einer sich erhitzenden Lage kommt das Geld zur\u00fcck. S\u00fcdosteuropa w\u00e4re hier ein interessanter Fall f\u00fcr vertiefte Forschung. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch <em>machtdominierte und zugangsbeschr\u00e4nkte \u00f6ffentliche Diskurse<\/em> machen es der Zivilgesellschaft schwer, Geh\u00f6r zu finden. Selbst wenn man alles sagen kann, hei\u00dft dies noch nicht, wahrgenommen zu werden. Die Risiken, die mit freier Sprache verbunden sind, werden neuerdings sogar gr\u00f6\u00dfer \u2013 weil sich militante Gruppen nun \u00f6fter von einem autorit\u00e4ren Mainstream unterst\u00fctzt f\u00fchlen, gegen Demokratieaktivistinnen und -aktivisten vorzugehen. Ohne Zugang zu Medien und zum \u00f6ffentlichen Raum wird man zudem auf eine kleine Gruppe Gleichgesinnter zur\u00fcckgeworfen \u2013 der Elitenvorwurf ist dann nicht weit (und die Vorstellung, eine Avantgarde zu sein, wird von manchen dann auch angenommen). Umso mehr ist das ein Problem f\u00fcr Gruppen und Organisationen aus den Regionen eines Landes, denn oft spielt die Musik in den Zentren und um wenige gro\u00dftst\u00e4dtische Kreise herum.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens wird <em>Misstrauen in die guten Absichten<\/em> der sich selbst zum Sprechen und Handeln bef\u00e4higenden Gruppen und Organisationen ges\u00e4t und verst\u00e4rkt. Sicherlich ist mangelnde Transparenz ein Thema, die offizielle Anti-NGO-Kampagnen dann aufgreifen. Diese Angriffe werden  mit restrikitiven NGO-Gesetzen flankiert, die <em>de facto<\/em> zivilgesellschaftliche Organisationen gegen\u00fcber Unternehmen diskriminieren. Bei den Vorw\u00fcrfen gegen\u00fcber NGOs wird nicht zwischen den Vertretern der oben erw\u00e4hnten NGO-kratie und den anderen unterschieden. Zudem wird \u00fcber den Vorwurf europ\u00e4ischer oder internationaler F\u00f6rderung oder der Geldw\u00e4sche unterstellt, dass B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger zugunsten fremder Interessen und so entgegen den Interessen der Mehrheit handelten.<\/p>\n\n\n\n<p>Drittens, Politik ist in vielen L\u00e4ndern nach wie vor (oder wieder) ein <em>personelles und organisatorisches Silo<\/em>, in das man weder als Mitglied, zivilgesellschaftlicher Partner oder allein aufgrund guter Ideen hinweinwirken kann. Parteien erf\u00fcllen oft nicht besonders gut ihre Funktion als Bindeglied zwischen Gesellschaft und Staat. Ist es ohnehin f\u00fcr Organisationen herausfordernd, cross-sektoral zu arbeiten, also ihre Ideen in die Systemsprache anderer umzuformen und mit Wirtschaft, Staat oder Politik zu kooperieren, so gibt es von den anderen Seiten wenig Interesse an ihnen und ihrer Arbeit. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Erfolg der unzivilen Zivilgesellschaft<\/h2>\n\n\n\n<p>Erstaunlich ist nach all diesen schlechten Nachrichten, dass die <em>unzivilen<\/em> zivilgesellschaftlichen Organisationen und ihre Netzwerke dennoch an Einfluss und St\u00e4rke gewonnen haben. Es scheint sich also nicht um eine Krise der Zivilgesellschaft (<em>shrinking spaces<\/em>) zu handeln, sondern um eine Mobilisierungs- und Organisationsschw\u00e4che demokratischer zivilgesellschaftlicher Organisationen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-large-font-size\">Es scheint sich also nicht um eine Krise der Zivilgesellschaft (shrinking spaces) zu handeln, sondern um eine Mobilisierungs- und  Organisationsschw\u00e4che demokratischer zivilgesellschaftlicher Organisationen. <\/p>\n\n\n\n<p>Die autorit\u00e4en Organisationen und Netze \u00fcbernahmen Konzepte wie ziviler  Ungehorsam, Widerstand und Protest von westeurop\u00e4ischen Protestbewegungen der 70er und 80er. Sie bauen auf eigenen dissidenten Traditionen auf. \u00dcber ein Netz zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation schaffen sie, ihren Akteuren und Ideen zu sozialer Wirkung und Wirkung in das politische System zu verhelfen. Es ist schon interessant, wie ausgerechnet sie beweisen, dass die theoretischen Annahmen, die wir \u00fcber b\u00fcrgerschaftzliches Engagement haben, doch nicht falsch sind:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Sie entwickelten eine <em>hybride F\u00e4higkeit<\/em>: Sie bauen Br\u00fccken zu Parteien, Bewegungen, Initiativen und Eliten. <\/li>\n\n\n\n<li>Sie s<em>chaffen R\u00e4ume<\/em>, in denen viele Menschen sich aufgehoben f\u00fchlen.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie <em>kooperieren horizontal<\/em> \u2013 lokal\/regional, aber auch im europ\u00e4ischen Rahmen wissen sie die Vorteile von Kooperation zu nutzen.<\/li>\n\n\n\n<li>Damit <em>pr\u00e4gen sie \u00f6ffentliche Diskurse<\/em> erfolgreich.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie haben einige Ideen, wie man divergierende <em>Interessen und Unterschiede unter einem Dach zusammenbringen<\/em> kann. Obwohl sie &#8220;Vielfalt&#8221; als Wert zur\u00fcckweisen, sind sie manchmal erstaunlich pragmatisch und handeln inklusiv.<\/li>\n\n\n\n<li>Sie  k\u00f6nnen ein Bild einer sie alle einschlie\u00dfenden sozialen Utopie entwerfen, eine sie verbindende <em>Integrationsideologie<\/em>.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Die zitierten Erkenntnisse lassen jedoch nicht den schnellen Schluss zu, dass es besser keine F\u00f6rderung geben sollte als solche. Im Gegenteil muss man der Finanzierung und Unterst\u00fctzung der oben erw\u00e4hnten Akteure genauer nachgehen. Das Netzwerk zwischen dem Radio-Maria-Konzern, rechten Medien, der polnischen Kirche und der PiS-Regierung in Polen ist etwa finanziell potent und politisch einflussreich. Ein Leichtes, hier anzudocken und Teil einer Bewegung zu werden. Auch \u00fcber Finanzierungen anti-europ\u00e4ischer und demokratieskeptischer Kr\u00e4fte durch Russland wird gemutma\u00dft. Anderseits zeigt das Beispiel Polens auch, wie \u00fcber das Land verteilt und lokal (etwa dank der Clubs der Gazeta Prawda oder den Kirchengemeinden) autorit\u00e4re Ideen gemainstreamt werden k\u00f6nnen \u2013 ohne Engagement in der Breite, nur mit Propaganda von oben und Geld von schr\u00e4g hinten, ginge dies auch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Sicherlich sollten Initiativen und Organisationen, die demokratische Werte vertreten, sich ihrer F\u00e4higkeit und St\u00e4rke bewusst sein, als <em>R\u00e4ume f\u00fcr Engagement, Kreativit\u00e4t und Beteiligung<\/em> zu fungieren. Es geht eben nicht nur um<em> output<\/em>, sondern um die M\u00f6glichkeit von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, <em>input<\/em> zu geben und dadurch zu lernen, <em>Vertrauen zu Mitb\u00fcrgern<\/em> in einer demokratischen Umgebung aufzubauen und <em>Selbstwirksamkeit<\/em> zu erfahren. Das ist ein<em> grunds\u00e4tzlich anderes Vertrauen<\/em> als das, das die Antidemokraten anbieten und das Gehorsam oder Unterordnung einfordert. \u00dcber innerorganisatorische Demokratie, Diversit\u00e4t Beteiligungsw\u00fcnsche und -formen sollte man deshalb mehr als St\u00e4rke und <em>Unique Selling Point<\/em> reden. <\/p>\n\n\n\n<p>Zudem sind demokratische Politikerinnen und Politiker gefragt, die Breite der Organisations- und Initiativenlandschaft zu pflegen und zu unterst\u00fctzen. Sei es, durch <em>pers\u00f6nliche Vernetzung, durch F\u00f6rderprogframme oder durch Parteireform<\/em>, die Mitgestaltung von Programmen und Projekten aus der Mitgliedschaft besser erm\u00f6glicht. Denn damit kluge und erfolgreiche zivilgesellschaftliche Organisationen ihre neuen Ans\u00e4tze auch gesamtgesellschaftlich skalieren k\u00f6nnen, bedarf es der T\u00fcr\u00f6ffnenden, F\u00fcrsprechenden und Mentorierenden in Parteien und im Staat, sowie der \u00dcbersetzenden, die Erfahrungen aus der Gesellschaft dann in Regulierungen umformulieren. <\/p>\n\n\n\n<p>Anderseits sieht man, dass in Zeiten von Machtwechseln immer wieder engagierte Gruppen und neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter auftauchen. Sie f\u00fcllen schnell die hinterlassenen Leerpl\u00e4tze mit intensivem Engagement und Enthusiasmus. Organisationen entwickeln Konfliktmanagementf\u00e4higkeiten und artikulieren Interessen und Positionen von Minderheiten. Ihre St\u00e4rke sind ihre Ideen. Am Besten scheint dies denen zu gelingen, die sich schon zuvor mit der<em> politischen Skalierung ihrer Ideen<\/em> besch\u00e4ftigten, etwa Wissen \u00fcber Advocacy, politisches Denken und staatliche Verwaltung erwarben. So wissen sie, wie man die Schw\u00e4che der Apparate ausnutzen kann, wie man selber die F\u00e4higkeit zur politischen Gestaltung erwirbt oder wie man Andere f\u00f6rdert. Deshalb wird<em> cross-sektorale Kompetenz <\/em>zentral. Sie ist analytisch die F\u00e4higkeit, sein eigenes Handeln im gr\u00f6\u00dferen politisch-gesellschaftlichen Kontext zu erfassen und praktisch die F\u00e4higkeit, auf dieser Analyse aufbauend zielgerichtet zu kooperieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Was haben die unzivilen Teile der Zivilgesellschaft nun, was die anderen nicht haben? Finanzielle Transparenz und Diversifizierung ihrer Ressourcen? Eher nein, ihr Geld kommt oft aus privaten Spenden sehr wohlhabender Menschen, aus dem kirchlichen Umfeld oder aus der Wirtschaft. Nehmen sie die Sorgen der Menschen ernster? Vor allem fordern sie Unterordnung unter eine Idee oder unter eine Hierarchie. Es geht mehr um die Einhaltung der Gesetze der Massenpsychologie statt um die F\u00f6rderung kollektiver Kreativit\u00e4t. Dennoch bieten diese den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern R\u00e4ume f\u00fcr N\u00e4he. Cross-sektorale Kompetenz? Diese haben viele ihrer Schl\u00fcsselfiguren den anderen sicherlich voraus. Ihre Anf\u00fchrer bewegen sich zwischen Wirtschaft, Staat, Politik und Zivilgesellschaft, zwischen Establishment und Militanz, zwischen lokalem Rahmen und europ\u00e4ischer Ebene. <\/p>\n\n\n\n<p>Und nicht zuletzt sei auf die integrative Kraft der Ideologie und des Populismus verwiesen. Wie Ivan Krastev bemerkt: <em>&#8220;Das Paradoxon der liberalen Demokratie besteht darin, dass die B\u00fcrger freier sind, sich aber machtloser f\u00fchlen.&#8221;<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">Ivan Krastev: <a rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"Ivan Krastev - Europad\u00e4mmerung - Ein Essay (opens in a new tab)\" href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/europadaemmerung-ivan_krastev_12712.html\" target=\"_blank\">Europad\u00e4mmerung &#8211; Ein Essay<\/a>, Frankfurt Suhrkamp, 2017<\/p>\n\n\n\n<p>Populismus von autorit\u00e4rer Seite ist in der Lage, dieses Defizit zu \u00fcberdecken: Kampf gegen Feinde, gegen Nihilismus, gegen die damit verbundene Moderne. In Mitteleuropa wird dies als eine Art Notwehr im Namen der Mehrheitsidentit\u00e4t gerahmt, einem Diskurs, der aus einer emanzipatorischen Ecke kommend (Schutz von Minderheitenidentit\u00e4t<em>en<\/em>) nun antiemanzipatorisches Handeln rechtfertigt. Dass Populismus wirken kann, liegt am ihm innewohnenden Potenzial f\u00fcr Popularit\u00e4t. Er enth\u00e4lt ein Zukunftsversprechen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size\"><em>Wie k\u00f6nnen Pluralismus, Aushandlung, Kompromiss wieder integraler Teil einer breiten popul\u00e4ren Zukunftsvorstellung werden?<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Demokratisch gewendet stellt sich somit die Frage: Wie k\u00f6nnen Pluralismus, Aushandlung, Kompromiss nicht als Komplikation gesehen werden, sondern integraler Teil einer breiten popul\u00e4ren Zukunftsvorstellung werden? Welche gro\u00dfen Themen oder Erz\u00e4hlungen werden die demokratische Zivilgesellschaft der Zukunft vereinen und die souver\u00e4nit\u00e4tsfixierte, antipluralistische Identit\u00e4tspolitik der Rechten als perspektivlose Sackgasse erscheinen lassen? <\/p>\n\n\n\n<p>Antworten werden die finden, die politisch und gro\u00df genug denken. \u00dcberzeugen wird, wer Mut und Zuversicht ausstrahlt. Eine schwedische Sch\u00fclerin hat dies der Welt \u00fcberraschend vor Augen gef\u00fchrt. Wer h\u00e4tte vor Greta gedacht, dass das Verlierer- und Angstthema schlechthin \u2013 Klimawandel \u2013 pl\u00f6tzlich so viele Menschen motivierte, auf die Stra\u00dfe zu gehen, ihre Gewohnheiten zu hinterfragen und Politikwechsel einzufordern? Den Klimaprotest unterscheidet, dass er nicht allein auf Wut oder Angst aufsetzt, sondern auch auf Hoffnung und auf Zuversicht in die Einsicht und Kooperationsbereitschaft der Mitmenschen. Wenn das der Trumpf ist, den Demokratinnen und Demokraten haben, dann ist ein wichtiger Baustein demokratischer Resilienz vielleicht, die F\u00e4higkeit, diesen m\u00f6glichst oft ins Spiel zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00e4ngen wir eigentlich einem zu positiven Bild der Zivilgesellschaft nach? Demokratische R\u00e4ume seien ohne b\u00fcrgerschaftliche Selbstorganisation nicht vorstellbar. 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Die Hoffnung in &#8220;die Zivilgesellschaft&#8221; scheint oft eine Projektion zu sein, zumal eine, die oft die gro\u00dfen Spieler im Feld meint, wie Amnesty International, Greenpeace, den World&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1944,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24,26,6],"tags":[],"class_list":["post-1517","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-insta","category-moe","category-konzept-civil-resilience"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1517","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1517"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1517\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1944"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1517"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1517"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1517"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}