{"id":2319,"date":"2020-12-17T22:25:00","date_gmt":"2020-12-17T22:25:00","guid":{"rendered":"https:\/\/civilresilience.net\/?p=2319"},"modified":"2021-11-21T15:35:49","modified_gmt":"2021-11-21T14:35:49","slug":"shoshana-zuboff-das-zeitalter-des-ueberwachungskapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/civilresilience.net\/en\/shoshana-zuboff-das-zeitalter-des-ueberwachungskapitalismus\/","title":{"rendered":"Shoshana Zuboff: Das Zeitalter des \u00dcber&shy;wachungs&shy;kapitalismus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-right has-small-font-size\">Illustration: Felix Kumpfe\/Studio Hurra<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-cyan-bluish-gray-background-color has-background\">Rezension f\u00fcr: Au\u00dferschulische Bildung &#8211; Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">B\u00fccher \u00fcber die digitale Transformation zeigen oft Extremes (Biohacking, Transhumanismus), Dystopien (Post-Privacy, Pflegeroboter) oder Magie (AI, Algorithmen, Echtzeitdatenstr\u00f6me), garniert mit Bildern von Hackern, Nullen und Einsen, wei\u00dfen Tr\u00e4umen in aufger\u00e4umten R\u00e4umen, K\u00f6pfen mit Dr\u00e4hten. Am Ende staunen alle und hoffen, die hellsten Kerzen Kaliforniens m\u00f6gen mit allem zurechtkommen. <\/p>\n\n\n\n<p>Digitalisierungsdebatten kranken deshalb daran, dass zu viele sie f\u00fcr \u201ezu komplex\u201c halten. Shushana Zuboff will Mitsprachef\u00e4higkeit erm\u00f6glichen und mit ihrem Buch dazu beitragen, dass ihre Leser*innen den Wald sehen m\u00f6gen und nicht nur lauter sie umgebende B\u00e4ume, oder wie sie sagt, \u00fcber die \u201ePuppenspieler\u201c hinter den Spielarten der Digitalisierung zu sprechen lernen und nicht \u00fcber die Puppe.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIm Zeitalter des \u00dcberwachungskapitalismus\u201c ist eine Mischung aus recht verst\u00e4ndlichen politisch-\u00f6konomischer Betrachtungen, einer Studie mit Erkenntnissen aus Interviews mit 52 Datenwissenschaftler*innen aus 19 Unternehmen des Silicon Valley und einer Anklageschrift. Zuboffs sp\u00e4tes Werk bezieht sich im Titel auf ihr 1988 ver\u00f6ffentlichtes \u201eIn the age of the smart machine \u2013 the future of work and power\u201c, mit dem ihr eine der ersten seri\u00f6sen Bestandsaufnahmen vom Wendepunkt von analoger zu computerisierter Arbeit gelang. Ihr Fokus liegt heute auf dem schwarzen Schaf des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts, diese \u201esich rasant fortpflanzende systemische und innerlich konsistente neue Variante des Informationskapitalismus\u201c (S. 73). 2015 beschrieb sie ihren Untersuchungsgegenstand folgenderma\u00dfen: \u201eIt is a ubiquitous networked institutional regime that records, modifies, and commodifies everyday experience from toasters to bodies, communication to thought, all with a view to establishing new pathways to monetization and profit.\u201c (Zuboff: Big other: surveillance capitalism and the prospects of an information civilization. In: Journal of Information Technology 2015\/30, 75\u201389, hier S. 81).<\/p>\n\n\n\n<p>Bedr\u00e4ngt von Investoren habe der \u00dcberwachungskapitalismus-Pionier Google um 2004 erkannt, dass nicht die Such<em>ergebnisse<\/em>, sondern die Such<em>anfragen<\/em> und die mit ihnen verbundenen Daten das interessante extrahierbare Material seien (\u201eExtraktionsimperativ\u201c). Wenn man dieses speichert und aufbereitet, wird es in verschiedenen Weisen veredelbar. Suchanfragen k\u00f6nnen in Echtzeit \u00fcber allgemeine Trends informieren, aber auch pr\u00e4zise Ausk\u00fcnfte \u00fcber die Suchenden geben. Wer wei\u00df, was sie noch gesucht haben, ob sie zu einer klar beschreibbaren Gruppe mit \u00e4hnlichen Merkmalen geh\u00f6ren und wie gro\u00df und wichtig diese Gruppe ist, kann von der Beschreibung von Trends zur Erstellung personalisierter Prognosen kommen. Verkn\u00fcpft man dar\u00fcber hinaus eine Vielzahl von Datenquellen (z. B. Browser, Smartwatches, Haushaltsverbrauchsdaten, Apps f\u00fcr ganz verschiedene Zwecke) und hat man eine Tiefe von Daten (etwa K\u00f6rperdaten, Suchgeschichte, Email-Inhalte, Bewegungsdaten), lassen sich Verhaltensvorhersagen modellieren (\u201eRendition\u201c) oder mit den Tricks und Mitteln aus dem verhaltenspsychologischen Arsenal (wie nudging, gamification oder Konditionierung) l\u00e4sst sich sogar Verhalten direkt beeinflussen (Aus\u00fcbung \u201einstrument\u00e4rer Macht\u201c). Einen Kauf zur rechten Zeit oder eine Reaktion in einem sozialen Netzwerk anregen, eine Wahl beg\u00fcnstigen oder vertragskonformes Verhalten durchsetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kern nutze der \u00dcberwachungskapitalismus Googles und seiner Follower \u201eeinseitig menschliche Erfahrung als Rohstoff zur Umwandlung in Verhaltensdaten\u201c (S. 22). Die erhobenen Daten dienten nur zum Teil dem konkreten Zweck eines angebotenen Dienstes. Der weitaus gr\u00f6\u00dfere Teil, der\u201epropriet\u00e4re Verhaltens\u00fcberschuss\u201c diene als (unternehmenseigenes, deshalb \u201epropriet\u00e4res\u201c) Rohmaterial f\u00fcr den eigentlichen Zweck, Verhalten als B\u00fcrger*in, Nutzer*in, Konsument*in oder Arbeitnehmer*in vorhersagen und kontrollieren. Dahinter stecke kein ideologisches Interesse, die Ideologie sei im Gegenteil \u201eradikale Indifferenz\u201c gegen\u00fcber politischen und sozialen Positionen (S. 235).<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem ubiquit\u00e4ren Internet of Everything w\u00fcrde die nicht greifbare Macht sich nicht auf den in Computern gespeicherten maschinellen Text und den digitalen Raum beschr\u00e4nken, sondern die ganze soziale Realit\u00e4t durchdringen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/zuboff.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2321\" width=\"342\" height=\"514\" srcset=\"https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/zuboff.png 516w, https:\/\/civilresilience.net\/wp-content\/uploads\/zuboff-266x400.png 266w\" sizes=\"auto, (max-width: 342px) 100vw, 342px\" \/><figcaption>Frankfurt am Main\/New York 2018<br>Campus, 727 Seiten<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Angesichts massenhafter und geteilter Informationsh\u00e4ppchen von und \u00fcber Nutzer*innen (dem \u201eSchattentext\u201c), stellen sich Fragen. Nutzer*innen seien weder Kunden noch wirkliche Nutzer sondern \u201eObjekte, aus denen Google unrechtlich den Rohstoff f\u00fcr seine Vorhersagefabriken bezieht\u201c (S. 117). Allgemein seien wir einer \u201eAnderisierung\u201c unterzogen, wertvoll an uns sei, was quantifizierbar ist und uns zum Teil einer Datenherde macht (S. 424). \u201eBig Other\u201c der gro\u00dfe Gleichmacher, der f\u00fcr das scheinbar irrationale Verhalten, das wir bislang f\u00fcr den freien Willen hielten, nur ein Kopfsch\u00fctteln \u00fcbrighat, oder dieses im Kundenauftrag zu b\u00e4ndigen sucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Was h\u00e4lt uns von der Entwicklung von Alternativen ab? Dort, wo Zuboff aufh\u00f6rt, f\u00e4ngt die Aufgabe der politischen Bildung an. Ihr Buch ist eine gute Grundlage. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Erschienen in: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.adb.de\/zeitschrift_ab\" target=\"_blank\">Au\u00dferschulische Bildung&nbsp;3\/2020<\/a> &#8211; Die Klimakrise und die gesellschaftlichen Folgen, Arbeitskreis deutscher Bildungsst\u00e4tten. <\/li><\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Illustration: Felix Kumpfe\/Studio Hurra Rezension f\u00fcr: Au\u00dferschulische Bildung &#8211; Zeitschrift der politischen Jugend- und Erwachsenenbildung B\u00fccher \u00fcber die digitale Transformation zeigen oft Extremes (Biohacking, Transhumanismus), Dystopien (Post-Privacy, Pflegeroboter) oder Magie (AI, Algorithmen, Echtzeitdatenstr\u00f6me), garniert mit Bildern von Hackern, Nullen und Einsen, wei\u00dfen Tr\u00e4umen in aufger\u00e4umten R\u00e4umen, K\u00f6pfen mit Dr\u00e4hten. 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