DIGIT-AL: Digitale Transformation: Arbeit in der Transformation

Inhalt: Rationalization and Job Polarisation | The Crowd Working in the Cloud | Transformation of the Working Space | Toward Upskilling and Lifelong Learning | A Future without Labour? (R. Martinez)

Nils-Eyk Zimmermann (2020). Work under Transformation. Digital Transformation in Learning for Active Citizenship. DARE Blue Lines, DARE – Democracy and Human Rights Education in Europe, Brussels, 52 pages


Als Teil eines allgemeinen Trends zur Platformisierung der europäischen Wirtschaft sind Automatisierung, additive Fertigung und die globale Neuordnung der Wertschöpfungsketten und Zusammenarbeitsprozesse Treiber der industriellen Transformation. Selbstverständlich haben diese Entwicklungen auch Auswirkungen auf die konkreten Arbeitsbedingungen.

Menschen kommen mit neuer Technologie häufig in ihren Arbeitskontexten in Berührung. Heute nutzen die meisten Informationstechnologie (IT), obwohl dabei auch die Unterschiede zwischen Ländern und Sektoren erwähnt werden müssen. Arbeitsplätze wurden technisiert. Ein Ergebnis der Digitalisierung und Rationalisierung ist Jobpolarisierung (job polarisation), der Anstieg von high-profile und low-profile Jobs während die mittleren Anforderungsprofile zunehmend weniger nachgefragt werden. Andererseits schaffen Plattformen neue Arbeitsumgebungen für Geringqualifizierte wie für Hochspezialisierte. Die Broschüre überlegt anschließend, wie Bildungspolitik und Weiterbildungsstrategien auf diese Herausforderungen regieren können und erklärt den europäischen Ansatz des Upskilling. Am Ende stehen Szenarien im Umgang mit Arbeitslosigkeit und Arbeit und die Idee des universellen Grundeinkommens, das inbesondere im Zusammenhang mit Fragen der Digitalisierung immer mehr diskutiert wird.

Was meint Plattformisierung?

Ein originärer Beitrag der digitalen Transformation zur Veränderung im Arbeitsmarkt ist Crowd-Sourcing und Plattformarbeit. Die semantische Nähe von Crowd-Sourcing zu Outsourcing weist auf die ursprüngliche Intention dieser Plattformen hin, komplexe Arbeit in Teile zu zerlegen und diese auf Auftragnehmer außerhalb der eigenen Angestelltenschaft zu verlagern. Plattformen vermitteln Auftraggeber und Auftragnehmer. Sie bieten eine Infrastruktur, setzen Standards (mit ihren eigenen Geschäftsbedingungen) für beide Parteien und bekommen einen Anteil der Transaktion als Gebühr. Dank der Plattformen kommen Formen der Abreit wieder, von denen wir dachten, dass sie in vielen Ländern Europas fast verschwunden schienen – Heimarbeit oder aufgabenbezogene Bezahlungen. Die Doppelbewegung kann man quasi als Wesensmerkmal der plattformbermittelten Crowdwork betrachten, meint die Welltarbeitsorganisation (ILO):

“Crowd work might best be understood as part of a broader shift towards more precarious and contingent labour as well as towards more automated hiring and management processes” (Berg et al., 2018, p. 6).

Tatsächlich gibt es sehr verschiedene Formen der Plattformarbeit, die auch die Bildung und die Arbeit des NGO-Sektors verändern werden.

Quelle: Greef & Schröder, 2017, p. 19

Die Perspektive zivilgesellschaftlicher Organisationen

Im gemeinnützugen Bereich werden teure selbstgehostete KI-Lösungen, digitale Immobilienmanagementsysteme oder Big-Data-Lösungen für Unternehmen oft nicht als strategisch relevant wahrgenommen. Einerseits scheint das Potenzial der Digitalisierung hier unterschätzt zu werden, aber andererseits kann man das Bild auch anders zeichnen. Im Gegensatz zu großen ökonomischen Strukturen, scheint ein ”One-size-fits-all”-Ansatz der Vielfalt verschiedener Zwecke, Größen und Organisationsstile nicht gut gerecht zu werden. So haben international vernetzte Organisationen vermutlich mehr Expertise mit Tools und technologie für Zusammenarbeit. Ein relevanter Teil unter Aktivisten und Organisationen hegt Sympathie mit dezentraler Infrastruktur und Open Source. Diejenigen, die von privaten Fördermitteln abhängen werden viel Interesse an Social Media und digitalen Kampagnen haben. Andere schlängeln sich pragmatisch aber wenig strategisch durch die Digitalisierung: Hier wird ein Übersetzungstool benutzt, hier eine Umfrage aufgesetzt, dort eine Cloud benutzt, zum Beispiel um Dokumente zu teilen oder für Backups. “Damit neue technologische Möglichkeiten organisationsspezifisch erkannt, beurteilt und letztendlich, da wo sinnvoll, eingebracht werden können, sind innerorganisatorische digitale Kompetenzen und eine professionelle Organisation umso wichtiger,” (Edinger-Schons et al., 2020, S. 34).

Perspektiven politischer Bildung

Die befähigende und ermöglichende Antwort auf die Herausforderungen der digitalen Transformation ist, Lernen als lebenslangen Prozess zu verstehen und die einzelnen Arbeitnehmer als potenziell fähige und kompetente lernende Personen zu sehen. Dabei nimmt man an, dass es ein gemeinsames Interesse zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber geben kann und bemüht sich um die Schaffung von Möglichkeiten für persönliche Entwicklung. Dem steht eine eher ultilitaristische Perspektive gegenüber, die Arbeitskraft als Summe der benötigten praktischen Fertigkeiten (skills) betrachtet. Hier spielen die Lernenden als Subjekte eine weniger zentrale Rolle, denn Kompetenz (als Dreiklang von Wissen, Fertigkeiten und Einstellungen) steht nicht im Fokus, stattdessen geht es um das Ausbügeln der größten Fähigkeitslücken. Das war immer auch eine Auseinandersetzung zwischen den Arbeitgebern udn Arbeitnehmern.

Aus der Perspektive einer politischen Bildung müssen auch ethische Perspektiven und Rechte einbezogen werden. Denn nur, wen man weiß, welche Rechte man hat und wie man diese praktisch einfordert, kann autonom handeln, sich gegen missbräuchliche Praktiken wehren, sich aktiv an Diskussionen über neue Entwicklungen beteiligen oder Solidarität praktizieren. Deshalb ist Empowerment Kern politischer Bildung. Am wahrscheinlichsten wird dabei ein ganzheitlicher kompetenzbasierter Ansatz in sozialer Partnerschaft (zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite) und in Kooperation zwischen formaler, außerschulischer und beruflicher Bildung zu Erfolgen führen.

Wenn man zudem berücksichtigt, dass sich der Wert von und die Wertschätzung für Arbeit als Anstellung verändern wird, liegt ein hohes Potenzial auch im bürgeschaftlichen Engagement und in der Freiwilligenarbeit in Zivilgesellschaft und Initiativen. Dazu müssten solche Initiativen mehr anerkannt werden und Organsiationen müssten stärker dabei unterstützt werden, ihre Angebote anzupassen. Engagement kann so als Teil von Weiterbildung und „Upskilling“ verstanden werden und zivilgesellschaftliche Organisationen als zukünftige Partnerin in der Weiterbildungszusammenarbeit. Mit der Diskussion über das universelle Grundeinkommen stehen wir heute lediglich am Beginn solcher notwendigen Debatten.