Warum benötigen wir eine politischere digitale Bildung?

Politische Bildung befähigt Lernende, sich an demokratischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen und diese mitzugestalten, die Kompetenz zu entwickeln, kritisch über Politik nachzudenken, und selbst zur demokratischen Kultur beizutragen. In Übereinstimmung mit der Perspektive des Europarates wird deutlich, dass eine solche Pädagogik sowohl die (analytische) Fähigkeit zum Denken und Urteilen, als auch die (auch praktischen) Fertigkeiten sowie Einstellungen anspricht, die für die Beteiligung als aktive und mündige Bürger:innen erforderlich sind.

Politische Bildung beschreibt „Bildung, Ausbildung, Bewusstseinsbildung, Information, Praktiken und Aktivitäten, deren Ziel es ist, Lernende durch die Vermittlung von Wissen, Kompetenzen und Verständnis sowie der Entwicklung ihrer Einstellungen und ihres Verhaltens zu befähigen, ihre demokratischen Rechte und Pflichten in der Gesellschaft wahrzunehmen und zu verteidigen, den Wert von Vielfalt zu schätzen und im demokratischen Leben eine aktive Rolle zu übernehmen, in der Absicht, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fördern und zu bewahren.“

Charta über die politische Bildung und Menschenrechtsbildung (Europarat CM/Rec (2010)

Ein solcher Bildungsansatz erreicht dies durch gesellschaftspolitische Lernangebote. Er sucht das Politische im Alltäglichen und thematisiert gleichzeitig gesellschaftspolitische Debatten und Enwicklungen aus der Perspektive der Demokratie und der Menschenrechte. Dadurch wird eine Verbindung hergestellt zwischen dem alltäglichen Handeln politisch wirksamer Bürger:innen (meine eigenen Handlungen und Handlungen in meinem unmittelbaren Umfeld) und den strukturell wirkmächtigen Bereichen des Politischen (wie Regieren, Regelsetzung und -durchsetzung, grundlegende Entscheidungen und Leitprinzipien).


Das Digitale ist politisch

Es liegt auf der Hand, dass sich eine Bildung, die sich auf ‚das Politische‘ konzentriert, nicht mit einem Diskurs über Digitalisierung zufrieden geben kann, der die sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen der Digitalpolitik und der digitalen Entwicklung weitgehend ignoriert. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein dafür gewachsen, wie politisch Plattformisierung, KI, strukturelle Entscheidungen im Informationsökosystem und Wettbewerbs­entscheidungen im digitalen Markt sind. Bildung muss hier entschlossen handeln. Sie muss die Lernenden als Bürger:innen ernst nehmen und sie auch so ansprechen, statt sie nur als Konsument:innen oder sogenannte „Nutzer:innen” zu adressieren.

Das Handbuch, dem dieser Beitrag entnommen wurde, trägt den Titel „Mehr als nur mit dem Strom schwimmen“. Denn wenn ich immer mitschwimme, werde ich irgendwann nicht mehr wissen, was es bedeutet, gegen den Strom zu schwimmen. Vielleicht möchte ich auch mehr über Wasser und das Ökosystem lernen oder mit Formen des Zusammenlebens, Aquarien und Schwimmvariationen experimentieren, die traditionell nicht vorgesehen sind.

Der normative Bezugsrahmen, in dem diese Bildung stattfindet, ist natürlich nicht der Cyberspace, die Zukunft oder die digitale Welt. Im Kern geht es um die Zukunft der Demokratie im Digitalen, im Analogen und an deren Schnittstellen.

In seiner Bildsprache und Haltung mit Fokus auf das „Neue“ und „ins Neue“ gibt es im Digitalkontext noch die abenteu­erliche Welt der (europäischen und nordame­rikanischen) Kolonisatoren-Entdecker, die wir ansonsten heute ziemlich kritisch sehen. Die Digitalisierung wird von Vielen in Stellung gebracht gegen Überlegungen, die in Richtung einer von Beck beschriebenen reflexiven Moderne gehen:

„Es geht also nicht mehr oder nicht mehr ausschließlich um die Nutzbarmachung der Natur, um die Herauslösung des Menschen aus traditionellen Zwängen, sondern es geht auch und wesentlich um Folgeprobleme der technisch-ökonomischen Entwicklung selbst. Der Modernisierungsprozess wird ‚reflexiv‘, sich selbst zum Thema und Problem. Fragen der Entwicklung und des Einsatzes von Technologien (in den Bereichen Natur, Gesellschaft und Persönlichkeit) werden von Fragen der politischen und wirtschaftlichen ‚Bewältigung’ der Risiken
tatsächlich oder potenziell genutzter Technologien in den Hintergrund gedrängt…“ (Beck, 1986, S. 26)

Wenn die Digitalisierung die Wiedergeburt des Solutionismus (und des Ingenieur-Genies hinter den Lösungen ) wäre, welche Folgen hätte dies für die Gesellschaft, für die Beziehungen zwischen Menschen und zwischen Mensch und Maschine? Der Eintritt in die „risikoignorante Gesellschaft”, geleitet von globalen Superplattformen und gemanagt von Ingenieurs-Problemlöser:innen? Wäre das ein zivilisatorischer Fortschritt?

Es gibt andererseits keinen Grund, ein allzu düsteres Bild zu zeichnen. Das dezentrale, offene, freie und rechenschafts­pflichtige Internet lebt und wächst, wenn auch weitgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit im Maschinenraum der Digitalisierung. Diskurs und Gegendiskurs sind für den Fortschritt unerlässlich. Umso wichtiger ist es für unsere Gesellschaften, sich über die Debatten rund um das umfassendere technologie­politische Modell zu informieren und sich daran zu beteiligen.

Digitalisierung und Staat: Je nachdem, in welcher politischen Kultur wir aufgewachsen sind, haben wir unterschiedliche Sichtweisen auf den Staat, Politik, Strafverfolgung oder das Rechtssystem. Gleichzeitig spielt der Staat in einer Demokratie eine grundlegende Rolle bei Entscheidungsfindung und bei der digitalen Governance. Es geht also nicht darum, Vertrauen oder Misstrauen in den Staat zu propagieren, sondern kritisches Denken darüber zu fördern, wie sich Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Medien und Bürger:innen gegenseitig ergänzen und ausgleichen. Da die digitale Technologie in allen Lebensbereichen zu einem wichtigen Faktor wird, wird die allgemeine Handlungsfähigkeit des demokratischen Staates mehr daran gemessen werden, wie er eine gute und effiziente Governance des Digitalen hinbekommt, von konkreten Entscheidungen über eine Smart City oder Digitalisierungsprojekte einer öffentlichen Verwaltung bis hin zu weitreichender Plattform-Governance.

Da die Digitalpolitik weitgehend auf europäischer Ebene gestaltet wird, ist ein so skizzierter Ansatz auch ein Beispiel für europapolitische Bildung, die über ein grundlegendes Verständnis der Institutionen hinaus angelegt wird. Da die europäische Öffentlichkeit jedoch sehr schwach ist, wird dies seit langem von Regierungen und Polarisierer:innen ausgenutzt. Diskussionen über wegweisende europäische Projekte werden in nationalen Debatten viel zu spät aufgegriffen. Manchmal wird in Europa das Gegenteil von dem gesagt, was in der nationalen Politik angekündigt wird. Populist:innen nutzen jede Gelegenheit, um Stimmung gegen Europa zu machen. Dies ist besonders problematisch für die Digitalpolitik in der Europäischen Union und im Europarat. Die Bürger:innen erfahren in der Regel erst dann von den Projekten, wenn der Lobby-Kampf fast vorbei ist. Die europäische Demokratie hängt also besonders von einer stärker europäisch ausgerichteten Bildung zu digitalen Themen ab.

Pädagog:innen und Jugendarbeiter:innen sollten sich demzufolge mehr mit der Digitalpolitik vertraut machen, etwa die Newsletter der digitalen Zivilgesellschaft lesen oder die europäischen Expert:innen und Forscher:innen aufspüren, insbesondere solche mit einem kritischen politischen Verständnis der Digitalisierung.

Neben der europäischen Dimension hat die Digitalisierung auch eine globale Dimension. Das Internet selbst, transnationale Infrastrukturen und globale Wertschöpfungs­ketten des digitalen Kapitalismus und der Hardware-Produktion sollten in das globale Lernen verstanden als Global Citizenship Education integriert werden. Kritische Forschung liefert globale Perspek­tiven auf Entwicklungen und zeigt Asymmetrien und Ungleich­heiten auf. Die Ausbeutung von Rohstoffen und seltenen Erden ist seit langem ein Thema für einige Bildungspraktiken, oft im Kontext der Entwicklungs­­zusam­menarbeit. Bildung und Jugendarbeit müssen jedoch mit den aktuellen wissen­schaftlichen und gesellschaftlichen Debatten Schritt halten. Der Daten­kolo­nialismus verweist auf diejenigen, die als irreguläre oder schlecht bezahlte Arbeitskräfte das KI-Wunder (unter anderem) möglich machen, sowie auf die Tatsache, dass der Platt­form­­kapita­lismus von ungerechter und oft unmoralischer Aneignung abhängt – „die Datafizierung in die längere Geschichte der kolonialen Aneignung von Territorien und natürlichen Ressourcen auf globaler Ebene einordnend“ (Couldry & Mejias, 2019, S. 11). Ein Blick darauf, wer uns bei Lieferdiensten arbeitend beglückt oder wer in den Fabriken der IT-Industrie für grundlegende Arbeitnehmer:innenrechte kämpfen muss, macht ebenfalls deutlich, dass es sich hierbei nicht um eine akademische Debatte handelt.

Und die Umwelt und das Klima? Obwohl anerkannt ist, dass Elektroschrott und Rohstoffabbau mit ihren ökologischen Folgen untrennbar mit Hardware verbunden sind, wird auf der Softwareseite das gegenteilige Bild vermittelt. Der politische Wille drückt sich in Variationen ähnlich wie im Europäischen Klimagesetz aus:

„Digitaler Wandel, technologische Innovation sowie Forschung und Entwicklung sind ebenfalls wichtige Triebkräfte für die Verwirklichung des Ziels der Klimaneutralität.“

Europäisches Klimagesetz (EU VO 2021/1119)

Daten und Entwicklungen weisen in eine andere Richtung: Derzeit gefährdet die Digitalisierung Klimaziele, die Verwirklichung einer Kreislaufwirtschaft, die längere Nutzung von Ressourcen und ethischere Lieferketten. Für empowernde Bildung bedeutet dies, Daten und Strategien zu untersuchen, Diskurse anzustoßen und zu unterstützen: Welche Arten der Infrastrukturen, Hardware und Dienstleistungen können zu mehr Nachhaltigkeit beitragen und welche gefährden allgemeine gesellschaftliche Nachhaltigkeitsziele?


Die digitale Wirtschaft

Datafizierung und Plattformisierung sind kulturell prägend geworden. Sie können jedoch nur verstanden werden, wenn man sich mit ihren wirtschaftlichen Zusammenhängen befasst. Wenn „Daten das Öl der digitalen Wirtschaft sind“, dann sprechen wir zuerst über Wirtschaft und Wirtschaftslenkung, danach über IT-Engineering oder verwandte Wissenschaften. Bildung sollte die verschiedenen zum Verständnis der digitalen Wirtschaft unterbreiteten Schlagwörter und Konzepte diskutieren, wie z. B.: Datenkapitalismus, Plattformkapitalismus, Überwachungskapitalismus, Europäischer Datenraum, „GAFAM“ oder „Big Tech“. Wir könnten auch unser Bewusstsein für die realen und noch tragfähigen Alternativen zu diesen Modellen schärfen – die Widerstandsfähigkeit des freien, interoperablen, offenen und vielfältigen Internet-Ökosystems betrachten.

Natürlich umfasst ökonomische Bildung auch praktische Finanzbildung und Verbrau­­cher:innen­bildung. Verbraucher­schutz­angebote zu Kaufent­scheidungen, zum Risiko von Verschuldung, zu Verbraucherrechten, Entscheidungs­findungen und Dark Patterns im Online-Kontext sollten nicht nur wenigen Privile­gierten vorbehalten sein. Denn wir sehen, dass zunehmend junge Menschen als Produzent:innen auftreten – als Anbie­ter:innen von Inhalten (z. B. Content-Ersteller) oder als Händ­ler:innen von Waren oder spekulierend mit Finanz­produkten.


Das Digitale ist ein Erfahrungsraum

Manche mögen diesen Ansatz als sehr kognitiv empfinden, aber das ist er nicht. Im Gegenteil, wir sind begeisterte Nutzer:innen digitaler Technologien und glauben, dass Neugier und eine kritische Haltung sehr gut zusammenpassen. Digitale Bildung sollte immer ein Feld des Experimentierens und ein Raum der Selbstermächtigung sein – spielerisch, medienorientiert, experimentell, interaktiv, unterhaltsam. Neugier sollte sich nicht
nur auf das erstrecken, was andere als Standard festlegen, sondern auch auf alternative Formen der Digitalisierung, die zwischen den Mainstream-Plattformen entstehen.

Abschließend bleibt zu hoffen, dass deutlicher wurde, wo wir den Unterschied zwischen Bildung mit digitalen Werkzeugen und gesellschaftspolitisch bewusster Bildung über digitale Technologie sehen. Lernen mit digitalen Werkzeugen, Diensten und Plattformen; Lernen über diese Dienste und Plattformen, die damit verbundenen Interessen und ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft; und Lernen, das Menschen befähigt, sich für die Art von Digitalisierung und Digitalpolitik einzusetzen, die ihren Wünschen und Werten entspricht

Diese Perspektive verdeutlicht, was andere Konzepte der digitalen Kompetenz oft nicht oder nur am Rande behandeln: kritisches Denken, unabhängiges Handeln, selbstgesteuerte Veränderung und Fragen zum ethischen und politischen Rahmen jeder Digitalpolitik und zum digitalen Kapitalismus entwickelnd.

Die Leitlinien und Modelle zur Stärkung digitaler Kompetenzen, auf die Bildner:innen in ihrer Arbeit stoßen, sollten sie auch aus einer politischen Perspektive betrachten, damit sie jungen Menschen ermöglichen können, grundlegend über die Digitalisierung nachzudenken, zu lernen, wie das alles in den Maschinenräumen von Tracking und Analyse funktioniert, und ihre Rechte und Chancen zu verstehen.

Das Kontrollparadoxon

Ein Paradoxon der Digitalisierung besteht darin, dass Menschen sie akzeptieren und digitale Dienste und Geräte nutzen, weil sie glauben, so Kontrolle und Sicherheit zu bekommen – etwa jederzeitigen Zugriff auf ihr Bankkonto, auf Informationen oder auf ihr soziales NetzwerkGleichzeitig steigen das Risiko, die Kontrolle zu verlieren, und
die Gefahren. Je allgegenwärtiger die Technologie ist, desto weniger fühlen sich die Menschen in der Lage, aktiv einzugreifen. Sie haben gelernt, mit der Angst vor dem Kontrollverlust zu leben, aber sie verschwindet nicht.

Technologie jenseits der Determinismen neu denken

Wenn wir nach unserer Beziehung zur Technologie gefragt werden, was antworten wir? Was sagen unsere Partner:innen und was unsere Lerner:innen? Die Antworten können naturgemäß sehr unterschiedlich ausfallen, aber selten entsprechen sie dem Narrativ rund um die digitale Technologie – spannend, revolutionär, magisch. Wenn wir uns ein ausgewogenes Bild machen wollen und nicht nur den Hype verstärken, müssen wir uns von allzu groben deterministischen Annahmen lösen.

Hören wir also den Menschen zu, wenn sie ihre authentischen (und oft widersprüchlichen) Gefühle gegenüber Geräten, Plattformen und Diensten äußern. Menschen, die glauben, nicht kompetent genug zu sein, neigen dazu, sich dafür zu entschuldigen. Aber sind sie das wirklich, oder sind sie einfach nur zu selbstkritisch? Ist die Notwendigkeit, cleveres Prompting
zu lernen, nicht auch ein Hinweis auf die technische Unvollkommenheit vermeintlich intuitiver Systeme?

Darauf aufbauend können wir uns der kritischen digitalen Kompetenz zuwenden: Wie lernen junge Menschen, mehr als nur „Nutzer:innen” zu sein – wie hinterfragen, gestalten, hacken oder nutzen sie IT anders? Wir brauchen Bürger:innen, nicht nur Nutzer:innen.


Eine verzerrte Debatte überwinden

Das Bild, dass öffentliche Debatten in Medien und politischen Vorschlägen von der Einstellung der Menschen zur Digitalisierung vermitteln, ist verzerrt. Umfragedaten deuten nicht darauf hin, dass alle im Alarmmodus sind, dass ihnen die Entwicklung nicht schnell genug gehen kann, dass sie unkritische Nutzer:innen seien oder dass sie befürchten, ihr Land (welches auch immer das sein mag) könnte aufgrund mangelnder digitaler Resilienz ins Hintertreffen geraten.

Schon vor der Übernahme von Twitter durch Elon Musk wurden Tech-Unternehmen kritisch gesehen, und die Menschen hielten auch wirksam durchsetzbare digitale Rechte stets für wichtig. Gleichzeitig hat die Gesellschaft kontinuierlich auch Offenheit gezeigt. Die öffentliche Meinung ist im Allgemeinen also etwas ausgewogener als die Kommunikation der Unternehmen, die die problematischen Aspekte der digitalen Transformation oft als notwendige Disruption und die Digitalisierung an sich als
universelle Lösung für soziale Probleme darstellt.

Auswirkungen der Digitalisierung auf das tägliche Leben

Welche Auswirkungen haben Ihrer Meinung nach die neuesten digitalen Technologien derzeit? Die Werte in Klammern zeigen die Veränderung seit 2017.

Sehr positivEtwas positivInsgesamt negativSehr negativ
Wirt­schaft12 %
(-11 %)
50 %
(- 2 %)
18 %
(+8 %)
5 %
(+2 %)
Lebens­qualität12 %
(-4 %)
50 %
(=)
19 %
(+5 %)
5 %
(+1 %)
Auswir­kungen auf die Gesell­schaft10 %
(- 5 %)
49 %
(- 3 %)
26 %
(+6 %)
7 %
(+2 %)

Quelle: Eurobarometer Spezial 554, QB 1 (2024); In Klammern: Veränderung gegenüber Eurobarometer 460 (2017)

Wir können einen längerfristigen Trend zu größerer Kritik beobachten: 2017 wurde die digitale Transformation allgemein mit mehr Begeisterung aufgenommen, aber bis 2024 gingen die sehr positiven Bewertungen zurück (die Veränderungen zwischen 2017 und 2024 sind in Klammern angegeben).

Gleichzeitig nahmen kritischere Einstellungen zu, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesellschaft und auf den Arbeitsmarkt/die Wirtschaft. Im Jahr 2024 war das Thema KI sehr präsent. Es gab Debatten über die EU-KI-Richtlinie, und ChatGPT und andere Large Language Models wurden bekannt und weit verbreitet. Es ist außerdem anzumerken, dass man in Europa im Allgemeinen dazu neigt, die Digitalisierung kritischer zu sehen als in anderen Teilen der Welt.

Perspektive der Jugend

Eine junge Generation, die mit der Digitalisierung aufwächst, von frühester Kindheit an digitale Daten generiert, analysiert, teilt und speichert wächst anders auf als ältere Generationen. Diese Datenwolke ist nicht mehr nur ein fragmentarisches Spiegelbild des Selbst, sondern Teil davon. Wie können wir ihnen mehr Kontrolle und Handlungsfähigkeit in Bezug auf ihr digitales Selbst geben? Diese Frage ist für andere Generationen zwar nicht neu, für „uns“, deren Leben noch nicht vollständig digitalisiert ist, jedoch weniger grundlegend. In diesem Sinne tragen ein besserer Datenschutz und mehr Privatsphäre zur „intergenerationellen Empathie“ bei.

Lange Zeit wurde diskutiert, ob die sogenannten „Digital Natives“, also die Generation, die ganz selbstverständlich mit digitaler Technologie aufwuchs, mit dieser Technologie klüger oder eher unvorsichtiger umgeht. Empirisch lässt sich nicht bestätigen, dass diese Generation über eine höhere Kompetenz verfügt. Junge Menschen haben eher eine positivere und optimistischere Einstellung, wie die folgende Statistik zu KI im Arbeitskontext zeigt. Dies lässt sich einerseits durch die Alltäglichkeit des Digitalen erklären, andererseits durch die Tatsache, dass sie im Vergleich zu anderen Generationen bisher relativ wenig Erfahrung im Arbeitskontext gesammelt haben.

Jugendliche zu KI-Anwendungen im Job

Verbes­serung der Arbeits­bedingungen77 % (Ø EU 67 %)
Aufgaben­zuweisung für Arbeit­nehmer/ Planung62 % (Ø EU 49 %)
Erfassung und Speicherung personen­bezogener Daten57 % (Ø EU 44 %)
Einholen zusätz­licher Infor­mationen über Bewerber53 % (Ø EU 43 %)
Auswahl von Bewerbern46 % (Ø EU 36 %)
Bewertung der Leistung von Arbeit­nehmern49 % (Ø EU 36 %)
Überwachung der Arbeit­nehmer44 % (Ø EU 31 %)
Automa­tische Entlassung von Arbeit­nehmern23 % (Ø EU 16 %)

Quelle: Eurobarometer Spezial 554, S. 58 (2024); n=26.415; Altersgruppe: 15-24 i. V. z. Durchschnitt aller Befragten

Im Vergleich zu anderen Generationen sind die Bedenken junger Menschen moderater. Sie äußern deutlich weniger starke Bedenken in Bezug auf Arbeitgeber, Werbetreibende, Kriminelle/Betrüger, andere Regierungen oder Nachrichtendienste:

Sorgen Jugendlicher: Zugriff auf Daten ohne Erlaubnis durch…

Sehr besorgtMäßig besorgtNicht besorgt
Arbeit­geber13 %
(Ø 17 %)
43 %
(Ø 36 %)
43 %
(Ø 46 %)
Werbe­trei­bende/ Unter­nehmen23 %
(Ø 31 %)
44 %
(Ø 42 %)
32 %
(Ø 26 %)
Regie­rung17 %
(Ø 20 %)
40 %
(Ø 41 %)
42 %
(Ø 39 %)
Kriminelle & Betrüger46 %
(Ø 55 %)
36 %
(Ø 30 %)
18 %
(Ø 14 %)
Straf­ver­folgungs­behörden16 %
(Ø 17 %)
37 %
(Ø 36 %)
46 %
(Ø 45 %)
Nationale
Geheim­dienste
21 %
(Ø 26 %)
37 %
(Ø 36 %)
40 %
(Ø 37 %)
Auslän­dische Regie­rungen23 %
(Ø 30 %)
37 %
(Ø 33 %)
38 %
(Ø 35 %)

Quelle: FRA-Fundamental Rights Survey 2020, Europäer:innen (n=4.195), Altersgruppe: 16–29, Ø: EU-27-Ergebnisse für alle Altersgruppen, n=20.930

Wie bereits erwähnt, nehmen junge Menschen ihre sie seit ihrer Geburt ganz selbstverständlich umgebende digitale Umgebung, oft nur wenig oder unbewusst wahr, genau wie Nicholas Negroponte es 1998 voraussagte:

„Wie Luft und Trinkwasser wird die digitale Existenz nur dann wahrgenommen, wenn sie fehlt, nicht wenn sie vorhanden ist.“

(N. Negroponte 1998)

Empirische Daten helfen uns, unsere Ängste, Sorgen, Hoffnungen und politischen Interessen besser zu verstehen. Insbesondere helfen sie uns, eine kritische Perspektive auf die Repräsentativität des Diskurses zu gewinnen und zu erkennen, wer ihn vorantreibt und wessen Stimmen unterrepräsentiert sind.

Aus einer generationsübergreifenden Perspektive ergibt sich eine für die Bildung produktive (generationelle) Spannung: Einerseits ist die Perspektive der Jugend unverzichtbar. Gerade beim Thema Digitalisierung unterscheidet sie sich deutlich von der anderer Generationen.

Gleichzeitig ergibt sich ein Bildungsauftrag insbesondere aus den Aspekten der Digitalisierung, die von Jüngeren als selbstverständlich oder gar nicht als „digital” wahrgenommen werden, wo sie die soziale und politische Konstruiertheit der Digitalisierung in der Regel übersehen.

In diesem Sinne muss digitale Jugendarbeit und politische Jugendbildung Kontroversen und Dilemmata auch bezogen auf das Digitale selbst widerspiegeln. Oft wird der soziopolitische Charakter des Digitalen erst dank dieser Kontroversen sichtbar.


Erschienen in:

Mehr als mit dem Strom schwimmen. Impulse für eine politische(re) digitale Bildung

Dieser Beitrag ist eine leicht gekürzte und geringfügig redaktionell veränderte Version des Originalbeitrags: Das Gesellschaftspolitische in der Digitalisierung.


Referenzen

Beck, Ulrich (1986). Risikogesellschaft. Frankfurt am Main

Couldry, N., & Mejias, U. (2019). Making data colonialism liveable: how might data’s social order
be regulated? Internet Policy Review, 8(2). https://doi.org/10.14763/2019.2.1411

Council of Europe (CM/Rec(2010)7 ). Recommendation of the Committee of Ministers to member states on the Council of Europe Charter on Education for Democratic Citizenship and Human Rights Education (adopted by the Committee of Ministers on 11 May 2010 at the 120th Session. https://www.coe.int/en/web/edc/charter-on-education-for-democratic-citizenship-and-human-rights-education, accessed 21/10/2025

European Union (2021/1119). Regulation (EU) 2021/1119 of the European Parliament and of the Council of 30 June 2021 establishing the framework for achieving climate neutrality and
amending Regulations (EC) No 401/2009 and (EU) 2018/1999 (‘European Climate Law’). Official Journal of the European Union L 243/1 pp. 1–17 http://data.europa.eu/eli/reg/2021/1119/oj

Negroponte, N. (1998, Dec. 1). Beyond digital. Wired,12.
https://www.wired.com/1998/12/negroponte-55/, accessed 21/10/2025

European Commission: Directorate-General for Communications Networks, Content and Technology. (2024). Special Eurobarometer 554. Artificial Intelligence and the future of work. Eurobarometer Report. European Commission. https://data.europa.eu/doi/10.2767/8591026

European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) (2020). What Do Fundamental Rights Mean for People in the EU? Fundamental Rights Survey. https://doi.org/10.2811/606553