Im Zweifel? Gegen die Demokratie. Zum konspirativen Denken.

Einordnung zwischen Phantasie, Weltbild oder Theorie.

Aktuell, im Jahr 2021, setzt der außergewöhnliche Charakter der globalen COVID-19 Pandemie mit seinen Begleiterscheinungen wieder Reduktion sozialer Kontakte, Einschränkung unserer Bewegungsfreiheit, persönliche Überforderung in der Organisation des Familien- und Berufslebens, nicht-wissende Entscheidungsträger*innen und der allgemeinen Ungewissheit, wann sich das Leben wieder normalisiert, viele Ängste frei. Die aktuelle Situation ist eine Ausnahme und Ausnahmezustände zeigen uns unsere sozialen Bedürfnisse in dem Moment, in dem es schwierig ist, sie in der gewohnten Weise zu befriedigen. Weil für einen signifikanten Teil diese Situation auch existenzgefährdend ist, setzt dies auch ganz elementare Ängste bei Vielen frei.

Zu unseren Bedürfnissen als Bürger*innen gehört auch, jederzeit von den demokratischen Grundrechten Gebrauch machen zu können, wie dem Recht auf freien Zusammenschluss, auf Versammlungsfreiheit, auf Bewegungsfreiheit oder auf Meinungsfreiheit.Weil nun die Versammlungsfreiheit oder Bewegungsfreiheit eingeschränkt würden, das aber nicht laut ausgesprochen werden dürfe,herrsche auch keine Meinungsfreiheit, so argwöhnt eine immer größere Zahl von Menschen.

Zudem sehnen sich viele nach einer Politik, die Entscheidungsstärke und Konsequenz ausstrahlt, Ungewissheit durch Gewissheit ersetzt.Andere weisen darauf hin, dass so eine Politik am pluralen Diskurs vorbei gerade zu Lasten der erwähnten Grundrechte gehen dürfte,ein Umstand, den viele Demonstrant*innen auf den „Anti-Corona-Demonstrationen“ ignorieren.

Wie soll man unter diesen vielen Fragezeichen und Ungewissheiten mit dem Leben klarkommen? Eine mögliche Antwort ist die Flucht in glaubhafte Erklärungen. Je mehr Fragezeichen uns umgeben,desto attraktiver werden Antworten, die gar nicht auf die eigentlichen Fragen eingehen, sondern eine alternative Weltsicht liefern.

Zunächst einmal sei klargestellt, dass Intransparenz für sich genommen nicht problematisch ist. Schließlich erfährt jede*r regelmäßig, dass die Welt intransparent ist. Eine „Notlüge“ ist vielleicht die harmloseste Variante dieser Intransparenz. Oder Kinder versuchen ihre Eltern gegeneinander auszuspielen, um etwas zu erreichen, ein Spiel mit versteckten oder halboffenen Karten. Vielleicht helfen wir aber auch einer Person, ihr Gesicht zu wahren, indem wir sie um ein Fettnäpfchen manövrieren, ohne ihr in der Situation unangemessenes Verhalten explizit zu thematisieren.

Verschwörung

Der Begriff Verschwörung bezeichnet ein nicht transparentes Verhalten im Zusammenhang mit interessengeleiteter Machtausübung.

Bis 1968 definierte das Strafgesetzbuch den Begriff „Geheimbündelei“ als „Verbindung, deren Dasein, Verfassung oder Zweck vor der Staatsregierung geheim gehalten werden soll, oder in welcher gegen unbekannte Obere Gehorsam oder gegen bekannte Obere unbedingter Gehorsam versprochen wird.“

Das englische „Conspiracy“ beschreibt zudem eine unrechtmäßige Handlung („unlawful action“), was auch den Aspekt der Verabredung zu etwas Illegalem umfasst. Sozial ist eine Verschwörung eine schädlich oder kriminell handelnde unsichtbare und mächtige Vereinigung.

Eine Verschwörungstheorie gibt vor, unsichtbare Prozesse, Entscheidungen oder Auswirkungen im größeren sozialen Maßstab evidenzbasiert zu erklären. Es geht also um eine breitere gesellschaftliche Wirkung. Da es sich aber nicht um valide Theorien handelt, ist der Begriff Erzählung vielleicht angemessener. Kern des Narratives ist der Glaube an die schädigenden Absichten der Verschwörer*innen.

Der phantastische Gehalt des Verschwörungsdenkens drückt sich im Wort Verschwörungsphantasie aus. Sie ist nicht das gleiche wie rein spekulatives Denken, das man ja auch als Rechnen mit verschiedenen Unbekannten betrachten kann. Dort, wo es an Transparenz oder einer kritischen Öffentlichkeit mangelt, etwa in undemokratischen Gesellschaften oder in außergewöhnlichen Umständen, in denen die Alltagsroutinen gestört sind, ist Spekulation ja oft die einzige Möglichkeit, sich über Ursachen und Wirkungen, Handlungen und deren für uns sichtbare Auswirkungen ein Bild zu machen. Denn Realität ist nicht immer auf Daten gebaut, sondern eine Mischung aus sichtbaren Fakten und unsichtbaren Wahrscheinlichkeiten, Verschwörungsphantasie hingegen negiert, dass Spekulation oft auch analytische Anteile enthält.

Richtung Weltbild

In einer Atmosphäre des Unbehagens, in der kritisches Denken ab-nimmt, Ängste oder Sorgen überhandnehmen, Informationen nicht möglich sind, blühen Verschwörungsglaube und -legenden auf. So wird aus einer Möglichkeit der Erklärung von etwas zunächst eine Phantasie und wenn Menschen nicht regelmäßig ihre Annahmen kritisch hinterfragen (können), formt sich schließlich ein Weltbild.

In diesem Sinne ist ein Problem, dass Menschen ihr Streben nach fundiertem Wissen durch Glauben ersetzen. Aber glauben kann auch die Zuversicht in das Gute heißen. Demzufolge ist zu wenig kritisches Denken nur ein Teil des Problems. Bedenklicher ist, dass formierte Verschwörungsweltbilder die Möglichkeit prosozialer und demokratischer Verhaltensformen negieren und letztlich den Bruch mit diesen rechtfertigen können oder wollen.

Erzählung, Weltbild, Ideologie, Mythos, Narrativ oder Phantasie? Je nachdem, was man betrachten will, ergeben viele Komposita mit Verschwörung auch jeweils Sinn, meistens beschreiben sie aber keine substanzielle „Theorie“. Statt den einen „richtigen“ Begriff zu verbreiten, kann die pädagogische Auseinandersetzung mit Verschwörung den Umgang mit bewusster Sprache schärfen, einer Sprache, die den Wesenskern des Phänomens, mit dem sich eine Gruppe konkret beschäftigt, am Treffendsten beschreibt.

Bausteine für Verschwörungsnarrative

Der soziale Kontext: Die Grundlage bildet etwas, das für viele Menschen von Bedeutung ist. Skizzieren Sie eine beunruhigende, von vielen nachvollziehbare Situation (z. B. eine Pandemie, eine soziale Krise,Ungerechtigkeit).

Die Akteure: Bestimmen Sie eine Minderheit zum handelnden Akteur.Sie müssen dabei eine Gemeinsamkeit definieren: Angehörige einer bestimmten Religion oder Zivilreligion (etwa Christ*innen, Muslim*innen, Juden*Jüdinnen, Kommunist*innen), einen gemeinsamen Beruf (Politiker*in, Priester*in, Arzt*Ärztin), einen gemeinsamen sozialen Status (wie Eliten, Reisende, Arbeiter), körperliche Eigenschaften (z. B. weiblich, Hautfarbe, Reptilien, Edelblut…), andere Subkulturen (Yoga-Praktizierende, Vegetarier, Spieler…). Spielen Sie gerne auch mit der Vorstellung, dass aus einzeln genommen harmlosen Individuen in ihrer Summe ein großes Bedrohungsbild entstehen kann (Flut, Armee, Millionenheer…).

Der Grund oder das Interesse: Beschreiben Sie, wie das Bedürfnis nach Macht in ihren verschiedenen Transaktionsformen gestillt wird: Geld gewinnen, Ideale verbreiten, soziales Prestige erlangen, soziale Herrschaft…

Die diskrete Aktion: Das unsichtbare Verschwörungsabkommen und seine Umstände. Ein geheimes Treffen zum Beispiel (z. B. Bilderberg-Konferenz, das Telefongespräch zwischen Nixon und Kissinger, Autobahnraststätte).

Der Beweis: Der außergewöhnliche Umstand, durch den die diskrete Handlung demaskiert wurde (z. B. die Protokolle der Ältesten von Zion, ein verschwommenes Youtube-Video, der Gang von Paul McCartney auf dem Abbey Road Cover…). Oder erklären, wo die Akteure bereits entsprechend gehandelt haben (Muslime 1683 in Wien, Christen 1099 in Jerusalem, Politiker in Konferenzen…).


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