Räume für Demokratie

Die demokratische Gesellschaft hängt von pluraler Öffentlichkeit und von freien Räumen ab. Eine funktionierende Zivilgesellschaft eröffnet Bürgerinnen und Bürgern Möglichkeiten, sich kulturell und politisch frei auszudrücken. Ihre Räume ermöglichen den Einzelnen ihre Selbstwirksamkeit als freie Menschen zu erfahren, indem sie gemeinsam mit anderen erfolgreich am öffentlichen Leben teilhaben und ihre Interessen und Visionen in Diskussionsforum und Entscheidungsprozessen einbringen. Die demokratische Kultur (civic culture) ist Voraussetzung und Ergebnis dieses lebendigen Geflechts von Einzelnen, Institutionen und Entscheidungsstrukturen.

Demokratische Resilienz

Demokratische Resilienz (civil resilience) bezeichnet die Widerstandskraft demokratischer Zivilgesellschaft, sowie ihre Fähigkeit, demokratischen Wandel herbeizuführen. Somit kann sie auch als ein Schlüsselindikator zur Beschreibung der spezifischen politischen Kultur einer Gesellschaft angesehen werden. Desweiteren beschreibt Demokratische Resilienz die Fähigkeit konkreter Organisationen, demokratische Prinzipien, Haltungen und Prozesse einerseits zu internalisieren und andererseits zu teilen.

Resiliente zivilgesellschaftliche Organisationen schaffen Räume, in denen Vertrauen stabil praktiziert und entwickelt werden kann. Sie befähigen Bürgerinnen und Bürger, sich öffentlich zu äußern, sowie sich proaktiv und zielgerichtet gemeinschaftlich einzubringen. So gestalten sie ihre Gesellschaft mit und durch sie führt Engagement von unten oben zu Veränderungen auf systemischer Ebene.

Demokratische Resilienz beschreibt die Fähigkeiten einer Organisation, demo­­­kra­tische Prinzipien, Prozesse und Haltun­gen zu leben, sowie in einem Umfeld gesell­sch­aftlicher Verän­der­ung aufzunehmen und zu teilen. Sie drückt aus, wie Organi­sationen die demo­kratische politische Kultur mitgestalten.

In diesem Sinne vereint Resilienz aus systemischer Perspektive Beharrungsvermögen mit der Fähigkeit, sich und die Systemumgebung zu verändern.

  • Beharrungsvermögen (persistence)
  • Anpassungsfähigkeit (adaptibility)
  • Veränderungsvermögen (transformability)

Diese drei Fähigkeiten schließen sich nicht aus, sondern „Resilienz“ bedeutet diese als Elemente eines Gleichgewicht zu denken, das durch Organisationsentwicklung oder die Schaffung der entsprechenden Bedingungen anzustreben ist.


Organisationsentwicklung

Resilienzbewusste Steuerung

So wie das Wort „Organisationsentwicklung“ einen statischen (Organisation) und einen dynamischen (Entwicklung) Teil in sich trägt, zielt die Navigation von Organisationen darauf ab, Struktur zu stärken und gleichzeitig zu öffnen. In Ergänzung zu den oben erwähnten Persistenz, Anpassungsfähigkeit und Veränderungsvermögen ist für viele demokratische Organisationen eine vierte Fähigkeit lebenswichtig – die eigene politische und fördertechnische Unabhängigkeit entwickeln und bewahren.

Weil Persistenz, Anpassungsfähigkeit und Veränderungsvermögen aus Resilienzperspektive zusammenspielen, müssen Voraussetzungen geschaffen werden, dass diese Fähigkeitsfelder systematisch und gleichberechtigt bei steuernden Entscheidungen Berücksichtigung finden.

Brückenfunktion

Organisationen sind Brücken zwischen systemischer Ebene und individuellen Haltungen zur Demokratie. Aus dieser Perspektive wird deutlich, dass sie kein Selbstzweck sind, sondern ein starkes und vielfältiges Netzwerk von Organisationen unentbehrlich für die Demokratie ist – daraus ergeben sich Chancen und Verpflichtungen, die bei der Organisationsentwicklung eine Rolle spielen sollten. Innere Aspekte (wie eine Organisation sich sieht, ihre Mission definiert oder wie sie arbeitet) verschränken sich mit den äußeren Aspekten (z. B. wie sie ihre Wirkung in die Gesellschaft erreicht, mit wem sie vernetzt ist und von wem sie sich abgrenzt, wie sie Solidarität praktiziert, ihr Image/Erscheinungsbild).

Sozialer Raum

Als ‚Gefäße‘ oder Rahmen für bürgerschaftliches Engagement und soziales Miteinander spielen Organisationen in der Demokratie auch eine wichtige Rolle für Einzelne. Deshalb sollte Organisationsentwicklung unter dem Gesichtspunkt demokratischer Resilienz Analyse und Reflexion von diesen beiden Enden ausgehend organisieren.

Weil Organisationen auch für die in ihnen Mitwirkenden soziale Räume und Strukturen sind, besteht die Herausforderung und Chance für die Leadership darin, deren Kompetenzen (Fertigkeiten, Wissen, Einstellungen/Haltungen) so zusammenzubringen, dass Organisation und Einzelne davon profitieren, dass Steuerbarkeit gewährleistet wird und gleichzeitig Raum für Innovation und Entwicklung genutzt wird. Eine enstprechende Lern- und Entwicklungskultur, die mit systematischen kompetenzorientierten Tools und Ansätzen zur inneren Entwicklung arbeitet kann dies unterstützen.

Wirkung einer starken Zivilgesellschaft in das System.

Schlüsselfaktor öffentliches Engagement und Lernen

Demokratische Resilienz beginnt mit den Kompetenzen zu Initiative und Engagement Einzelner und von Gruppen und formiert sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen und der Öffentlichkeit. Als Impulsgeber für soziale Innovation dient sie besonders denjenigen unter den NGOs, die an den Schnittstellen zu den anderen gesellschaftlichen Teilsystemen verortet sind und so Impulse aus der Umwelt aufnehmen, als auch Wirkung über den eigenen Radius hinaus entfalten.

Aus dieser Perspektive können neue Räume für den (cross-sektoralen) Dialog, für das Lernen und für die Organisationsentwicklung einen Beitrag leisten, dass demokratische Akteure und die Zivilgesellschaft insgesamt gestärkt werden und soziale Innovation ermöglicht wird.

Widerstandsfähige Demokratie

Doch wissen wir auch, wie fragil die demokratische Zivilgesellschaft sein kann, wenn man ihre selbstverwalteten Strukturen beschädigt. Wenn Kräfte, die auf die Überwindung der Demokratie hinarbeiten, den öffentlichen Raum besetzen. Wenn die kritische und plurale Vielfalt in der Gesellschaft durch mächtige Koalitionen stumm gemacht wird. Deshalb gehört zur demokratischen Resilienz auch eine Haltung der Solidarität, der Wille zum Widerstand und der Mut, soziale Verhältnisse zu verändern.

Herausforderung: Transformationen demokratisch gestalten

Die großen Transformationen unserer Zeit reichen über unsere eigenen lokalen Horizonte hinaus. Ob Klimawandel oder Digitalisierung, Gesellschaft zu gestalten ist nur möglich, wenn man lernt, Abhängigkeiten, Verbindungen und Rückkopplungen wahrzunehmen. Wir in Europa haben die Chance, die mit diesen Transformationen verbundenen Herausforderungen an demokratischen Werten orientiert anzugehen, während andere Gesellschaften ihnen vor allem ausgesetzt sind. Diese Chance nutzen zu können setzt aber auch ein breiteres Denken in Systemen und eine umfassendere Kompetenz zur Transformation voraus. Demokratische Resilienz enthält in diesem Sinne transformatives und systemisches Denken.

Zivilgesellschaftliche Organi­sationen machen demokra­tische Praxis erlebbar und erschaffen Räume für demo­kra­tische Öffent­lichkeit maßgeblich mit.


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