Europa im Populismus vereint. Ost- und Westeuropa haben unterschiedliche Entwicklungen im Umgang mit Diversität. Erleben wir heute ihr Zusammenwachsen?

Die Ausschreitungen in Chemnitz sind auch Resultat einer mitteleuropäischen Nachkriegsentwicklung. Aber Populismus ist keine Sache der Mitteleuropäer. Wird Europa im ethnonationalistischen Alptraum vereint? Sein Erfolg als demokratischer Raum hängt von der Fähigkeit der Bürgerinnen und Bürger zum Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt ab.

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Die multilaterale Regierungsübereinkunft als Alternative zu EU-Ratsentscheidungen: eine kreative Antwort auf die populistischen Regierungen?

Die polnischen und ungarischen Regierungen haben sehr zum Verdruss der Mehrheit der Europäer bislang ohne große Konsequenzen an der Einschränkung ihrer Rechtsstaatlichkeit arbeiten können.

Zwei Dinge legitimieren dies aus ihrer Sicht. Erstens: Uns kann keiner was, solange sich ein Komplize findet, der Sanktionierungen durch die europäischen Institutionen blockiert.

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Demokratische Resilienz. Zivilgesellschaftliche Organisationen als Schlüsselakteure für aktive Bürgerschaft, Vertrauen und den Kampf um eine demokratische Öffentlichkeit.

Zivilgesellschaft und aktive Bürgerschaft als systemrelevante Aspekte der Demokratie wurden lange idealisiert und viel wurde in ihre Verbreitung investiert. Doch was kann “die Zivilgesellschaft” tatsächlich leisten im Angesicht von Populismus und autoritären Bedrohungen? Die Antwort darauf ist nicht weniger Engagement und kritischer Bürgersinn, sondern mehr demokratische Resilienz. Die Schlüsselakteure hierbei sind bewusste, starke, gemeinwohlorientierte und an politischer Wirkung interessierte unabhängige Organisationen.

Um 1989 herum, als der Eiserne Vorhang fiel, dachte man überall in Europa über die Demokratie nach und im Besonderen über das Verhältnis des einzelnen Bürgers zum Staat. In Mittel- und Osteuropa haben Oppositons-Aktivisten wie Adam Michnik bereits in den 80er Jahren überlegt, wie Zivilgesellschaft als ein von unten nach oben strukturierter Raum für freies bürgerschaftliches Engagement imstande sein kann, die Diktaturen in einer zivilen Weise zu überwinden. Aus ihrer Perspektive sind es die Bürger, die die Gesellschaft konstituieren. György Konrad formulierte darauf aufbauend eine grenzüberschreitende Utopie: transsektorale und nationenübergreifende Kooperation zwischen den mitteleuropäischen Gesellschaften und ihren Bürgern auf der Basis einer gemeinsamen kulturellen Grundlage und auf der Grundlage des Bewusstseins von Einheit in Vielfalt (was man heute Diversitätsbewusstsein nennen würde). [KONRAD 1987]

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Cross-sectoral Competence and Creativity: Implant them Deeper in Organizations

What’s the foundation of cross-sectoral collaboration? How is it connected with creativity? How do organizations facilitate cross-sectoral competence? The first wave of innovation were new ad-hoc groups, staff positions, labs or project teams. Now the challenge is to implant creative competence in the lines of organizations.

Social innovation is created when the ideas and practices of a group of citizens become inspiration for others and affect in the end the general way of acting and thinking in the society. The “social” refers to their aim to contribute to the improvement of social conditions, civic practice, political engagement or other public activities.

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Impact: Schokoriegel? Ergänzungsmittel?


Es ist zweifellos wichtig, zu wissen, wo man hinwill im Leben. Auch Organisationen werden manchmal danach gefragt. Um bessere Antworten geben zu können, bemühen sich viele Akteure in den NGO- Social Entrepreneurship und Förderungsszenen um  “Wirkungsorientierung”. Nun, alle reden von “impact”, aber niemand erklärt einem, wozu dieses neue Produkt taugt,  wo man es kaufen kann und was da konkret drin ist.

Nach Jahrzehnten der Deregulierung und Marktorientierung im Non-Profit-Sektor ist das Wort “Wirkung” für manche die nächste wirksame Keule, um der Ineffizienz in der Welt Herr zu werden. Für sie ist “impact” eine Art Energieriegel, ein Performance Booster für das NGO-Wesen. Andere nutzen ihn, um ihre nähere Utopie zu beschreiben und über die großen Visionen nachzudenken, welche Alternativen zum Bestehenden man mit seinem Engagement verändern will. Diese zu sehen motiviert und bereitet Freude. Wie soll man sich zu Wirkungsorientierung verhalten, das ist die Frage, die NGOs für sich beantworten müssen.

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Kreativkompetenz – “solidarisch” oder “bedingungslos”? Gedanken zu einem strapazierten Begriff.

Sollen unsere Kinder vom LEGO-Mann oder von Hannah Arendt lernen?

In froher Eintracht und verbunden im Willen, Europas Bildung zukunftsfest zu machen, saßen beim European Education Summit im Januar 2018 in Brüssel zwei Bildungsministerinnen und ein Konzernmanager zusammen: Hilde Crevits (Region Flamen in Belgien), Ingrid van Engelshoven (Niederlande) und Tom Hall (LEGO Education International). Schnell waren sie sich einig. Es mangele den europäischen Schulen an der Fähigkeit, ihren Schülerinnen und Schülern Kreativität zu vermitteln. Dabei bräuchten Europas Unternehmen mehr kreative Köpfe. Auch politisch steht die Gleichung: je mehr kreative Köpfe, desto mehr lösen sich strukturelle Probleme wie Jugendarbeitslosigkeit, Radikalisierung und technologischer Rückstand.

Als Autor eines Handbuchs zur Förderung der Kreativität als Fähigkeit in Europas Jugend, erfreut es einen, wenn man dem Zeitgeist gewissermaßen das passende Tool in die Wunschbox legen konnte (N. Zimmermann, M. Gawinek-Dagargulia, E. Leondieva: Creativity Handbook). Gleichzeitig irritiert es, dass so Viele mit so unterschiedlichen Motiven die Kreativität der Jugend fördern – vor allem als Rohstoff schürfen wollen. Sind wir geboren, um frei zu sein und uns die Welt kreativ anzueignen, oder um unser kreatives Potenzial zu aktivieren? Für wen und was eigentlich? Wohin führte uns die totale kreative Gesellschaft, mit kreativen Schulen, kreativen Städten und kreativer Buchhaltung?

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Creativity Handbook: How to unleash creativity in individuals and groups?

Building connections, drawing inspirations and exploring opportunities as individuals and groups.

Creativity is a crucial competence in the development of proactive and selfresponsible individuals. It helps people to be proactive, to ideate and to connect new ideas with previous experiences. It is a key competence for taking an active, leading role in social change.

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Lebenslang Lernen: Menschen befähigen, Autorenschaft für ihre Lernbiographie zu übernehmen

In den vergangenen zwei Jahren schufen zivilgesellschaftliche Organisationen aus Deutschland, Österreich, Polen und Bulgarien mit „Competendo“ eine gemeinsame Internet-Plattform für Wissensaustausch, Methodenbücher und Best Practice Beispiele im Bereich der Bürgerbeteiligung. Im Mittelpunkt steht dabei die Kompetenzentwicklung der Lernenden. Selbstbestimmte Lernbiographien und neue Ansätze bei non-formaler Bildung erklärt Competendo-Koordinator Nils Zimmermann.

Agata Maziarz/Competendo

ifa: Was genau ist Competendo?

Nils Zimmermann: Competendo ist eine Plattform, die die Idee des kompetenzbasierten Lernens verbreiten möchte. Wir möchten die gute Praxis aus der Welt zusammenführen, erstellen Handbücher und Materialien, die Lehrern, Betreuern in Jugendarbeit, ehrenamtlich Engagierten in gesellschaftlichen Organisationen dabei helfen, mit einer zusätzlichen Bildungsperspektive ihre Arbeit besser und gewinnbringender für die Beteiligten zu gestalten. Insofern geht es uns darum Bildungsansätze zu fördern, die an den Stärken und Persönlichkeiten der Lernenden orientiert sind, damit wir am Ende eine andere Art von Lernkultur haben.

ifa: An diesem Konzept arbeiten verschiedene Beitragende, Vereine und NGOs aus mehreren Ländern mit. Was hat sie zusammengeführt?

Nils Zimmermann: Es gibt eine Vision, die uns tatsächlich gemeinsam verbindet, nämlich dass wir alle fest davon überzeugt sind, dass die Menschen, mit denen wir Bildungsprozesse gestalten, etwas lernen können. Sie sind selber in der Lage, Autorenschaft für ihre Lernbiographie zu übernehmen. Die Fähigkeiten, die sie brauchen, um sich zu entwickeln, tragen sie in sich. Wir definieren unsere Rolle dabei als diejenigen, die ihnen dabei helfen, diese Fähigkeiten an sich zu entdecken und weiter auszubauen. Dieses Verständnis verbindet uns alle und die Unterschiede liegen einfach darin, dass sich die Organisationen auf unterschiedliche Themenfelder spezialisiert haben.

ifa: Inwiefern unterscheidet sich Competendo von anderen Ansätzen? Was ist das Neue daran?

Nils Zimmermann: Es gibt eine große Lücke zwischen den sehr theoretischen Diskussionen in der Bildungslandschaft. Zum Beispiel gibt es seit den 1970er Jahren intensive Diskussionen über kompetenzbasiertes Lernen, über Kooperationen zwischen verschiedenen Lernformen. Gleichzeitig gibt es eine große autodidaktische Bewegung. Viele innovative, neue Ideen kommen von Menschen, die gar nicht aus der pädagogischen Fachdisziplin sind. Oder es sind Lehrer, die einfach etwas anderes ausprobieren wollen. Menschen, die durch Jugendarbeit einen Zugang zu Bildung gefunden haben. Zwischen diesen Rahmenmetakonzepten und der konkreten Arbeit im Feld gibt es einerseits ein gemeinsames Verständnis: Wir wollen partizipativer sein, wir wollen den Menschen einen Rahmen geben, in dem sie sich entfalten können. Gleichzeitig gibt es aber wenige, die diese Übersetzungsleistung bringen. Methoden, die im Feld erprobt sind, müssen theoretisiert werden und Kompetenzmodelle den Menschen, die die Arbeit überall in Europa machen, nahe gebracht werden. Wir versuchen diese Brücke zu bauen.

ifa: Wie funktioniert das in der Praxis?

Nils Zimmermann: Wir versuchen mit unserem Ansatz keine übertriebenen Standards zu setzen, die das denzentrale Wachstum und die positive Energie hemmen, was teilweise passiert in diesen Diskussionen über die Anerkennung non-formalen Lernens. Zu enge Strukturen beschränken die Kreativität. Ich denke, es ist eher wichtiger, dass man die guten Praktiken teilt und dass man Leute befähigt, möglichst viele Tools zu entwickeln. In der Vergangenheit wurde oft darüber nachgedacht, wie die ideale Straße zum Kompetenzerwerb aussehen soll und es wurden komplizierte Anforderungen daran gestellt. Heute geht es eher darum, die Straßen möglichst simpel zu halten. Wir sollten in möglichst vielen verschiedenen Autos auf diesen Straßen fahren, in die wir investieren und wir sollten Möglichkeiten bieten, wo die Fahrer dieser Autos zwischendurch mal anhalten können. So verstehe ich lebenslanges Lernen.

Das Interview führten Anna Juraschek (ifa-Regionalkoordinatorin für Polen und Tschechien) und Tomáš Randýsek (ifa-Redakteur beim LandesEcho Prag). Veröffentlicht: LandesEcho

Der autoritäre Wandel in Mitteleuropa 2: Etatismus und Pluralismus

Im ersten Beitrag wurde das Konzept des politischen “Ausnahmezustands” beschrieben und wie es sich die PiS-Partei in Polen im Sinne ihrer Machtstrategie aneignete. Hierbei handelt es sich um eine dezisonistische Logik des Machtgewinns, die eng mit der Idee der Souveränität verknüpft ist. Macht hat, wer über den Ausnahmezustand verfügt. Im  zweiten Teil soll es um einen weiteren Kern der politischen Ideologie der PiS gehen, um ihr Verhältnis zur sozialen und politischen Vielfalt. Wie hält es Kaczyńskis Bewegung mit dem Pluralismus? Dabei greift die PiS auf Konzepte zurück, die bereits in den 60er Jahren von Stanisław Ehrlich entwickelt wurden. Will PiS also nach den nächsten Wahlen die Axt an den Pluralismus anlegen?

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